Das Mediensystem der Türkei

Eine Forschungsarbeit, die im 1. Master-Semester (2014/2015)  im Seminar “Hallin & Mancini reloaded: Medienstrukturen im internationalen Vergleich” entstanden ist. Geschrieben wurde sie von Marius Schreiber und mir. Das Seminar wurde von Prof. Meyen und Dr. Karidi geleitet. Als theoretisches Grundgerüst diente uns Uwe Schimanks Theorie der Akteur-Struktur-Dynamik. Darauf aufbauend entwickelten wir im Seminar ein Kategoriensystem, das den Forschungsprozess strukturiert hat. Als Methode wendeten wir Dokumentenanalyse (z.B. Berichte von Nichtregierungsorganisationen, Gesetze und wissenschaftliche Studien) und Experteninterviews (9 Personen) an.

Unsere zentralen Hypothesen lauten:

  1. Die türkische Medienlandschaft ist ein stark ausdifferenziertes, duales und liberales System. Die privaten Medien sind größtenteils im Besitz großer Wirtschaftsunternehmen, die auch in anderen Bereichen investieren. Durch wirtschaftliche Verflechtungen und Interesse an lukrativen Regierungsaufträgen seitens der Medienkonzerne kommt es zu einer regierungskonformen Selbstzensur in den Redaktionen. Gleichzeitig fand in den letzten Jahren eine Verschiebung der Medieneigentumsverhältnisse in Richtung regierungsnaher Investoren statt. Beides führte zu einer Einschränkung der Pressefreiheit.
  2. Die in der Verfassung und dem Pressegesetz von 2004 verankerte Pressefreiheit wird durch andere Gesetze, wie zum Beispiel dem Anti-Terror-Gesetz oder bestimmte Paragraphen des türkischen Strafgesetzbuches eingeengt.
  3. Die Mehrzahl der türkischen Journalisten arbeitet in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Bei einer den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Medienkonzerne und der Regierung nicht konformen Berichterstattung droht ihnen der Verlust des Arbeitsplatzes. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Tatsache, dass gewerkschaftliche Organisierung von Seiten der Medienunternehmen nicht geduldet wird. Diese Abhängigkeit und Unsicherheit der Arbeitsplätze ist ein Hemmnis für die Pressefreiheit.
  4. Ohne die generelle Polarisierung der türkischen Gesellschaft zu verstehen, lässt sich auch die Entwicklung der türkische Medien und die Einschränkungen der Pressefreiheit nicht nachvollziehen. Die Gesellschaft teilt sich in zwei große Lager: In Unterstützer und Gegner der AKP-Regierung. Die Mainstream-Medien sind aufgrund der wirtschaftlichen Verflechtungen Unterstützer der Regierung. Deshalb können in ihren Redaktionen unterschiedliche journalistische Selbstverständnisse nicht mehr umgesetzt werden. Journalisten mit einem westlichen Selbstverständnis werden aus den Redaktionen verdrängt. Zurück bleiben Journalisten, die sich als Sprachrohr der Regierung sehen oder gezwungen sind so zu handeln, um ihren Arbeitsplatz nicht zu gefährden. Die Polarisierung der Gesellschaft und die (erzwungene) Uniformität der Selbstverständnisse in den Mainstream-Medien führt zur Einschränkung der Pressefreiheit.

Viel Spaß beim Lesen!

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