YPG-Posts erhöhen “Politisch Motivierte Kriminalität – Ausländer” in München um 75,4% – oder?

Oder: wenn die Polizei München sich an Statistik versucht, aber eigentlich nur Politik macht.

Am Freitag, den 20. April 2018 veröffentlichte die Münchener Polizei ihren jährlichen “Sicherheitsreport 2017”. Da wir im Social Media-Zeitalter leben, musste sie das natürlich auch in einem Facebook-Post bekannt geben, den ihr hier findet:

Zur heutigen Veröffentlichung unseres 108-seitigen Sicherheitsreports 2017 (Download:…

Gepostet von Polizei München am Freitag, 20. April 2018

Dort schreibt sie (inklusive Rechtschreibfehler): “Die Politisch motivierte Kriminalität – Ausländer wurde 2017 wurde seitens des BKA neu definiert. Wir unterscheiden seitdem zwischen PMK – ausländische Ideologie, der wir für letztes Jahr 84 Straftaten zuordnen können sowie der PMK – religiöse Ideologie, auf welche 30 Delikte fallen. Damit wurden insgesamt 114 Straftaten registriert, was einen Zuwachs um +49 Delikte (+75,4%) bedeutet. Dieser Anstieg lässt sich jedoch leicht erklären. Ein 29-jähriger Deutscher veröffentlichte auf seinem Facebook-Account letztes Jahr mehrere verbotene Symbole der „YPG“, „YPJ“ und „PYD“, alle der verbotenen Organisation PKK nahe stehend. Diese wurden von anderen Facebook-Nutzern geteilt, was wiederum etliche Strafanzeigen bundesweit nach sich zog. Da die Ursprungstat in München begangen wurde, war das Ermittlungsverfahren zum Zeitpunkt der Berichterstellung noch bei der StA München I anhängig.”

Es ist offensichtlich, wen sie damit meint.

Dieser Einschüchterungsversucht wirft einige Fragezeichen auf, die ich hier stichpunktartig thematisieren will:

  • die Polizei München spricht von einem Anstieg der “Politisch motivierten Kriminalität – Ausländer” um 75,4%, weil ein deutscher Staatsbürger Symbole der YPG/YPJ/PYD auf Facebook gepostet hat. Warum schiebt man die angebliche “Schuld” den “Ausländern” in die Schuhe, wo die Aktivitäten doch von einem Deutschen, und zwar mir, ausgingen?
  • Sie schreibt in ihrem Bericht auf S. 75 ganz oben: “Diese Beiträge wurden von anderen Facebook-Nutzern geteilt und somit erneut veröffentlicht was zahlreiche Strafanzeigen, zum Teil über das Bundesgebiet verteilt, nach sich gezogen hat.” Die meisten dieser NutzerInnen, die mir bekannt sind, die Posts geteilt haben und daraufhin polizeiliche Vorladungen erhalten haben, sind deutsche Staatsbürger. Meistens sogar ohne jeglichen Migrationshintergrund. Sie sind also sogar für Polizeibeamte “richtige” Deutsche. Deshalb noch mal die Frage: Warum steigert das die “politisch motivierte Kiminalität – Ausländer”? Damit sich etwa die AfD und CSU wieder daran abarbeiten können?
  • folgt man dieser Logik, trägt dann etwa der BR – Bayerischer Rundfunk mit seinen Artikeln, die mit YPG-Fahnen bebildert sind (z.B. hier: https://bit.ly/2sMQXtO) und deren Teilung auf Facebook ebenfalls zu Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft und Polizei München geführt haben, dann auch zur Erhöhung der politisch motivierten “Ausländerkriminalität” bei?
  • für strukturell rassistisch halte ich auch die neue Definition des Bundeskriminalamtes, dass es sich um “Politisch motivierte Kriminalität – Ausländische Ideologie” handele (siehe FB-Post der Polizei München oder “Sicherheitsreport 2017”, S. 74). Im Falle der YPG-Posts werden die Auswirkungen einer solchen Definition deutlich: die Deutschen hätten mit solchen verbrecherischen Gedanken der kurdischen Freiheitsbewegung nichts zu tun, alles sei ein Import extremistischer Ausländer. Wie erklärt man sich dann aber, dass zum Beispiel am vergangenen Samstag in München 600 Menschen, darunter die übergroße Mehrheit deutsche Staatsbürger, mit YPG- und anderen ähnlichen Symbolen durch die Stadt zogen, um ihre Solidarität mit Afrin und Rojava zu zeigen? Basiert die “ausländische Ideologie” der kurdischen Freiheitsbewegung nicht auch auf zentralen Merkmalen und Grundlagen der fortschrittlichen Bewegungen in Deutschland: Frauenbefreiung, Basisdemokratie, Ökologie, eine demokratisierte Wirtschaftsordnung und und und… Mit der Definition “ausländische Ideologie” wird versucht etwas ins künstlich hergestellte “Außen” zu verbannen, um ja keine Solidarisierung in Deutschland selbst, dem Innen, möglich zu machen. Und mit diesem “Außen” weist man KurdInnen, die seit 30, 40 Jahren hier leben, arbeiten und politisch aktiv sind, ebenfalls einen Platz außerhalb dieser Gesellschaft zu. Wie soll so die in populistischen Sonntagsreden oft hervorgehobene “Integration” so gelingen?
  • kritisch ist zudem, dass die Polizei von einem Anstieg um +49 Delikte, also um 75,4% spricht und das, obwohl es in keinem der Verfahren bisher zu einer Anklage, geschweige denn zu einer Verurteilung gekommen ist. Bisher laufen nur Ermittlungsverfahren. Trotzdem spricht die Münchener Polizei von einem Anstieg der “Politisch motivierten Kriminalität – Ausländer”. Dies ist besonders auch deshalb fraglich, weil in anderen Bundesländern Amtsgerichte in sehr ähnlichen beziehungsweise gleichen Fällen bereits gegenteilige Urteile(!) und teilweise Freisprüche gefällt haben, so zum Beispiel das Amtsgericht Aachen (https://bit.ly/2Hmdy7L) oder das Verwaltungsgericht Frankfurt (https://bit.ly/2F9i6rL). Die Polizei München greift voreilig in anstehende Gerichtsentscheidungen ein, wenn sie ihrem Sicherheitsreport auf S. 75 schreibt, dass “verbotene Symbole der Organisationen ‘YPG’, ‘YPJ’ und ‘PYD'” geteilt wurden. Ob überhaupt und wenn ja, wann diese verboten sind, hat nicht die Polizei zu entscheiden, sondern das Gericht. (Auch wenn mir bewusst ist, dass auch Gerichte in vielen Fällen nach politischen und ökonomischen Machtverhältnissen handeln).
  • es wird außerdem wieder einmal deutlich, wie schlampig die Polizei arbeitet. Ein Blick in ihre Datenbank oder ein kurzer Click auf mein Facebook-Profil hätte ihnen gezeigt, dass ich Jahrgang 1986 bin und 2017 nicht 29 Jahre alt, sondern entweder 30 oder 31 Jahre alt war. Wenn diese Arbeitsweise auch in den YPG-Ermittlungsverfahren selbst so anhält, lässt das nichts Gutes erahnen. Und: von den Rechtschreibfehlern in ihren Veröffentlichungen soll hier gar nicht die Rede sein, ich mache selber viele.

Fazit: das die Münchener Polizei nichts besseres zu tun hat, als auf Befehl der Staatsanwaltschaft Facebook-Profile und ihre Posts zu verfolgen, zeigt deutlich, dass es in dieser Stadt im Bezug der “politischen Kriminalitöt” eigentlich keine Probleme gibt. Wenigstens das hat der Sicherheitsbericht ungewollt deutlich gemacht.
Und es bleibt festzuhalten, dass die Statistiken im “Sicherheitsbericht 2017” der Polizei München zu hinterfragen sind. Sie hat mit dieser Veröffentlichung nur eines erreicht und zwar sich selbst und ihre Zahlen desavouiert.

#YPG #YPJ #PYD

Weiterlesen

Abschließende Gedanken aus Kurdistan

Die Kandil-Berge aus der Perspektive von Choman

Mehr als vier Wochen habe ich mich nun in den verschiedenen Teilen Kurdistans aufgehalten. Da am 9. April das Sommersemester an der Ludwig-Maximilians-Universität und damit die Lehre wieder beginnt, musste ich mich auf den Rückweg nach Europa machen. Die Zeit in Rojava, also Westkurdistan, war lehrreich, sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Sinne. Am Ende dieses letzten Blogeintrages finden sich einige abschließende Eindrücke zum dortigen Mediensystem. Weiterlesen

Zum Ende hin – Derik

Die Internationalistische Kommune ist malerisch gelegen

Nach knapp 4 Wochen ist meine Zeit in Nordsyrien zu Ende. In den letzten Tagen habe ich mich in der Internationalistischen Kommune von Rojava in der Nähe von Derik aufgehalten. Ein wirklich interessantes Projekt. Dort kommen Menschen aus der ganzen Welt zusammen, um an der Revolution teilzuhaben und nach einiger Zeit ihre Erfahrungen mit in die Heimatländer zu nehmen. Derzeit haben sie eine Kampagne am Laufen, die sich „Make Rojava Green Again“ nennt. Sie soll die Wiederaufforstung in der Gegend betreiben. In den letzten Jahrzehnten wurden in Nordsyrien so gut wie alle Bäume abgeholzt. Das habe ich mit eigenen Augen auf der Fahrt von Kobane nach Qamischli gesehen. Man fährt stundenlang durch baumlose Landschaften. Warum dies so ist? Das syrische Regime nutzte die Gegend zu exzessivem Weizenanbau, sie war und ist die Kornkammer des Landes. Hierfür wurden die Waldbestände abgeholzt, um Anbaufläche zu gewinnen. Der Rest wurde als Feuerholz verbraucht. Bis zum Beginn der Revolution 2012 war es explizit verboten neue Bäume anzupflanzen. Das ist jetzt anders. Auf Ökologie und Umweltschutz wird in der Theorie viel Wert gelegt. In der Praxis sieht das jedoch noch anders aus. Weiterlesen

„Damit das Leben des Einzelnen wieder etwas Wert wird“ – 22/23/24.3.18

Nach einigen Tagen Kobane geht es wieder zurück nach Qamischli. Es stehen weitere Interviews mit Akteuren des kurdischen Mediensystems in Rojava, Nordsyrien an. Eigentlich war noch ein Gespräch in Kobane mit dem Vertreter eines Regionalradios geplant, dieses muss aber ausfallen. Warum? Wie schon einmal geschrieben, ist es in Nordsyrien nicht leicht von Stadt zu Stadt zu kommen, geschweige denn von Kobane nach Qamischli. Dazwischen liegen mehr als 350 Kilometer und das bei schlechten Straßenverhältnissen. Deshalb muss man jede Mitfahrgelegenheit ergreifen, die sich ergibt. Zufälligerweise fährt gerade Deniz, ein Freund, der in der Verwaltung der SDF aktiv ist, mit dem Auto nach Qamischli. Diese Chance muss ich nutzen, sonst kann es einen, zwei, drei Tage dauern, bis man ein nächstes Auto findet, dass einen mitnehmen kann.

Rojava-Landschaft im Frühling

Weiterlesen

Arbeitsalltag in Kobane – 20/21.3.18

Die letzten Tage war ich bei ANHA in Kobane „embedded“. Gemeinsam mit den hier tätigen Journalisten habe ich am Arbeitsalltag in der Nachrichtenagentur teilgenommen. In der Früh finden immer Redaktionssitzungen statt, die von einer Frau geleitet werden. Dort wird besprochen, was an diesem Tag ansteht und wer welche Aufgaben übernimmt. Klassisch, kennt man so auch in Deutschland. Spannend ist hier allerdings, dass die Sitzung zweisprachig stattfindet. Denn es arbeiten auch drei Araber, die aus Ain Issa und Rakka sind, mit. Sie sprechen kein Kurdisch und deshalb wird ständig zwischen Arabisch und Kurdisch gewechselt. Es wirkt kompliziert, scheint aber gut zu funktionieren, weil alle Kurden hier auch Arabisch können. Sie erlernen in den Schulen Rojavas nun zwar primär ihre Muttersprache, anschließend gibt es aber immer auch Arabisch-Unterricht.

Danach geht es für drei von uns in die Innenstadt Kobanes. Dort sollen am Tag vor Newroz Statements der politischen Parteien zum Fest des Widerstandes gesammelt werden. Als erstes geht es zur PDKS. Ausgeschrieben bedeutet das Demokratische Partei Syrien-Kurdistan. Von dieser Partei gibt es hier zwei bis drei verschiedene gleichnamige. Eine davon ist vollkommen auf Barzani-Linie und steht Rojava feindlich gegenüber, eine andere wiederum unterstützt den politischen Prozess und beteiligt sich an den Rätestrukturen. Letztere besuchen wir ohne Vorankündigung und bitten um ein Statement. Ihr Parteibüro ist in einer Nebenstraße der Innenstadt. An der Wand hängen Mitglieder der PDKS, die in den Reihen der YPG gefallen sind. Ein Beweis dafür, dass die Volksverteidigungseinheiten keine Parteimiliz der PYD (Partei der Demokratischen Einheit) sind, sondern sich Spektren übergreifend organisiert.

Interview mit der PDKS-Vorsitzenden von Kobane

Weiterlesen

Kobane: Die Stadt des Widerstandes und der Revolution – 18/19.3.18

“Herzlich Willkommen in Kobane”

Nach einigen Tagen in Rakka geht es weiter in Richtung Kobane. Die legendäre Stadt, in der die Schlächter des sogenannten „Islamischen Staates“ zum ersten Mal besiegt wurden und der Siegeszug der Frauen- und Volksverteidigungseinheiten YPJ und YPG begann. Im Herbst 2014 waren wir mit tausenden Menschen auf der Straße, um gegen das Schweigen der Welt angesichts des IS-Angriffes zu protestieren. Weil sich die westliche Staatengemeinschaft einen solchen öffentlichen Gesichtsverlust nicht leisten konnte und es in die strategischen Pläne der USA passte, wurde die Stadt kurz vor dem Fall freigebombt. Allerdings wäre dieser erste Sieg nicht ohne den heroischen Kampf der YPG und YPJ gelungen, die maßgeblichen Anteil an der Zurückdrängung der Dschihadisten hatten. Weiterlesen

Wohnungspolitisches Wochenende mit Andrej Holm (13/15.4.18)

Fotocredit: Saskia Gränitz

Liebe FreundInnen, liebe AktivistInnen, liebe Studierende, liebe Interessierte, sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit laden wir, der Lehrbereich “Politische Soziologie sozialer Ungleichheit” am Institut für Soziologie , das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Forschungs- und  Lehrbereich Meyen und die Aktionsgruppe Untergiesing , euch herzlich zu einem wohnungspolitischen Wochenende (13/15. April 2018) mit dem bekannten Stadtsoziologen Andrej Holm ein. Weiterlesen

Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau: Rakka – 16/17.3.18

Dunkelheit. Schotterstraßen. Häuserruinen. Checkpoints. Diese Wörter fassen die Fahrt von Ain Issa nach Rakka am besten zusammen. Kurz vor Zwölf Uhr nachts kommen wir in der ehemaligen Hauptstadt des sogenannten „Islamischen Staates“ an. Es ist gespenstisch. Nur an wenigen Ecken brennt Licht, schemenhaft zeichnen sich zerstörte Häuser ab und an zentralen Punkten der Stadt stehen, um brennende Tonnen gedrängt, bewaffnete Kämpfer und kontrollieren vorbeifahrende Autos. Man kann nur ahnen wie Rakka bei Tag aussieht. Der erste Eindruck ist: Afterworld.
Unsere Unterkunft befindet sich in einem bewachten fünfstöckigen Häuserblock, von denen die Hälfte zerstört und die andere Hälfte gerade so bewohnbar gemacht worden ist. Früher haben hier Familien von IS-Kämpfern und -Bürokraten gewohnt, an manchen Wänden der zerstörten Wohnungen prangen noch die Logos der Dschihadisten. Auf unserem Hausdach sieht man den Einschlag eines Raketenwerfers, so als ob es gestern gewesen wäre, die Schmauchspuren noch an der Wand. Das Brummen von Stromgeneratoren übertönt alles, die Stadt wurde noch nicht wieder ans zentrale Stromnetz angeschlossen (das derzeit sowieso so gut wie nicht existent ist). In einem der Häuser sind verschiedene Medien untergebracht. Hier befinden sich Ableger der kurdischen Nachrichtenagentur ANHA, des Fernsehsenders Ronahi TV und auch der Ronahi-Zeitung. Die Mitarbeiter hier sind ausschließlich arabische Jugendliche, die von einer erfahrenen kurdischen Journalistin ausgebildet und angeleitet werden.

Rakka bei Tag

Weiterlesen

Auf dem Weg nach Rakka: Ain Issa – 14/15.03.18

Für Kurdistan gilt: alles kann, nichts muss gehen. In diesen Tagen geht viel.
Der Tag des 14. März verläuft ruhig, alle geplanten Interviewtermine in Qamischli platzen (Stichwort: nichts muss gehen).

Trotzdem wird es nicht langweilig. Mitten in der Nacht klingelt das Handy meines Zimmergenossens. Am Apparat ist ein Journalist, der es aus dem belagerten Afrin herausgeschafft hat und nach stundenlanger Fahrt in Qamischli angekommen ist. Er sucht unser Haus, dass im Armenviertel Heleli liegt. Es ist verwinkelt, Straßennamen und Hausnummern gibt es nicht. Gefühlte zehn Telefonate später findet er unsere Unterkunft und siehe da – es ist Selami Aslan, den ich im Januar per Skype für meine Dissertation interviewt hatte. Er befand sich damals im Shengal-Gebirge und schrieb für die nordkurdische Mesopotamien-Nachrichtenagentur. Von dort ist er nach Afrin gegangen, jetzt steht er vor mir. Was für ein schöner Zufall.

Einige Stunden später spazieren wir zu viert durch die Stadt. Wir, das sind die Journalisten Gamze Kafar (Arti TV), Mustafa Mamay (ANF), Selami Aslan (Mesopotamien Nachrichtenagentur) und ich (als Kommunikationswissenschaftler). Auch Kafar ist erst vor zwei Tagen aus Afrin zurückgekehrt. Beide versuchen die traumatischen Erlebnisse dort zu verarbeiten. Was sie dort gesehen haben, lässt sich in einem solchen Blogbeitrag nicht beschreiben – es ist einfach nur furchtbar.

Auf einmal kommt ein Anruf: ein Auto der SDF fährt Richtung Rakka bis nach Ain Issa und es sind noch Plätze frei. Kafar und ich entscheiden uns sofort mitzufahren. Warum? Es gibt hier keine regelmäßigen und sicheren Verbindungen, um von Stadt zu Stadt zu kommen. Entweder man findet eine Mitfahrgelegenheit oder man muss tagelang warten.

Eine dreiviertel Stunde später geht es los. Am Steuer eines Toyota-Pickups sitzt Kani, der aus Kobane kommt und Mitte Fünfzig ist. In allen großen Kämpfen, Kobane (2014), Minbidsch (2016), Rakka (2017) und jetzt Deir-e-Zor (2018) war er dabei. Er drückt trotz schlechter Straßenverhältnisse aufs Gas, die Tachonadel steht bei 150 km/h und an uns sausen hunderte Öltanker vorbei. Lachend klopft er aufs Lenkrad und sagt: “Den Toyota haben wir dem IS geklaut – danke dafür!”.

Arabische SDF-Kämpfer in Ain Issa

Weiterlesen

Afrin in Qamischli – 11.03.18

Afrin – die fünf Buchstaben des Kantons prägen derzeit ganz Rojava und darüber hinaus. Dschihadisten sämtlicher Couleur stehen kurz vor der Stadt. Auf Fotos der Islamisten im Internet ist das Zentrum in der Ferne sichtbar. In der Stadt befinden sich bis zu 800.000 Menschen. Neben den Bewohnern auch Flüchtlinge der Dörfer, die bereits besetzt wurden. Um die 3000 Eziden mussten sich zum Beispiel in den Schutz der Stadt flüchten. Videos zeigen Erdogans Proxy-Söldner, wie sie in ihren Dörfern einfallen und die Geflohenen als „Schweine“ und „Ungläubige“ beschimpfen. Bilder, die an Aufnahmen aus dem Jahr 2014 im Shengal-Gebiet erinnern. Damals hieß es noch „Islamischer Staat“, heute „Freie Syrische Armee“. Vom Inhalt her ist es jedoch praktisch das selbe.

„Wie kann der Westen zu so etwas schweigen?“ Diese Frage bekomme ich in den letzten Tagen von der Bevölkerung in Qamischli oft gestellt. Ungläubig wird dabei der Kopf geschüttelt. Von langjährigen Aktivisten der kurdischen Freiheitsbewegung kommt sie allerdings nicht. Diese wissen, dass das gesamte Projekt Rojava den imperialistischen Großmächten stets ein Dorn im Auge war. Die Zusammenarbeit im Kampf gegen den IS war taktischer, aber nie strategischer Natur. Politischen Einfluss auf die gesellschaftliche Umgestaltung hatte die militärische Kooperation hier nicht, das kann ich hier selbst sehen.

Weiterlesen

Qamischli – die Stadt der Revolution, das Dorf der Generatoren – 09./10.03.18

Seit zwei Tagen komme ich in der Stadt an, treffe alte Bekannte, plane Interviews mit kurdischen Journalisten und Medieneinrichtungen und besuche neue Institutionen der gesellschaftlichen Umgestaltung. Qamischli ist voll mit verschiedenen Einrichtungen, Kommunen und Zentren und sie ist voll von Generatoren. Aufgrund des Strommangels, stehen an jeder Ecke größere und kleinere Motoren, die mit Diesel Strom produzieren und die umliegenden Geschäfte und Wohnungen versorgen. Läuft man durch die Straßen hört man ein konstantes Brummen. Abends, wenn die Sonne untergeht und man sich auf einem der vielen Flachdächer aufhält, sieht man an vielen Ecken grauen Dunst, der von den Generatoren kommt. Nach Sonnenuntergang bis ungefähr ein Uhr nachts gibt es „normalen“ Strom aus der Dose. Die Stromversorgung Nordsyriens ist ein Problem, da sie meist über Staudämme und entsprechende Kraftwerke funktioniert. Seit die Türkei allerdings die Wasserzufuhr über den Euphrat massiv zurückgefahren hat und die Dämme durch Kämpfe gegen den sogenannten Islamischen Staat beschädigt wurden, kommt es immer wieder zu Engpässen. Es gibt Pläne Solarenergieanlagen zu installieren, Fläche ist genug vorhanden, allerdings fehlt hierfür die benötigte Technik, durch das Embargo der Türkei und Südkurdistans kommt so gut wie kein Material ins Land.

Wandbild für im Kampf gestorbene Internationalisten am Eingang der Kommune

Weiterlesen

Ankunft in Rojava – 08.03.18

Nach fast einer Woche Anreise, habe ich es gestern Abend endlich in die Demokratische Föderation Nordsyrien (DFNS) geschafft. So zumindest der politische Name. Die meisten Menschen sagen hier einfach Rojava. Das ist Kurdisch und bedeutet „Westen“. Es beschreibt den westlichen Teil Kurdistans. Derzeit findet hier ein revolutionärer Prozess der gesellschaftlichen Umgestaltung statt, der am ausführlichsten bisher von Anja Flach, Ercan Ayboga und Michael Knapp in „Revolution in Rojava“ beschrieben wurde, deshalb spare ich mir hier die Details.

Sonnenuntergang in Qamishlo, 8.3.18.

Weiterlesen

Seminar: Digitale Arbeit und Kapitalismus

Im Sommersemester 2018, das am 09. April startet, bieten Dr. Thomas Allmer (University of Stirling) und ich (Ludwig-Maximilians-Universität München) an der LMU ein Blockseminar mit dem Titel “Digitale Arbeit und Kapitalismus” an. Dieses wird vom 15.-17. Juni 2018 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung in der Oettingenstr. 67 in München stattfinden.

In diesem Blogbeitrag findet ihr den Seminarplan. Wir veröffentlichen diesen aus vier Gründen: Weiterlesen

Ein Staat in der Krise oder zurück zu den Werkseinstellungen?

Hasnain Kazim: Krisenstaat Türkei. München: Random House 2017.

„Du lügst schneller, als ein Pferd scheißen kann“ (S. 163) – Hasnain Kazims Buch ist ein beeindruckendes Beispiel für direkte Medienwirkungen. Erst in Form eines Shitstorms. Doch dabei soll es nicht bleiben. Weiterlesen

Der andere Öcalan

Abdullah Öcalan: Zivilisation und Wahrheit. Maskierte Götter und verhüllte Könige. Manifest der demokratischen Zivilisation. Band 1. Köln: Internationale Initiative 2017

Die deutschen Medien kennen in der Regel nur einen Abdullah Öcalan – den Machtmenschen, den Terroristen.  Öcalan hat die PKK gegründet, die Arbeiterpartei Kurdistans, in Deutschland seit 1993 verboten und in vielen Staaten auf der Terrorliste. Mehr muss der Zeitungsleser hierzulande nicht wissen. Sein Buch „Zivilisation und Wahrheit“ zeigt den anderen Öcalan: einen linken Vordenker. Weiterlesen

Passive Revolution und das „Türkische Modell“

Cihan Tugal: Das Scheitern des Türkischen Modells. München: Kunstmann 2017

Cihan Tugal will die Ursachen der aktuellen Krise der Türkei erklären. Jenseits von „Erdogans Wesen ist böse“-Schemata liegt für den Professor aus Berkeley die Erklärung in der Krise des neoliberal-islamischen Demokratie-Modells, das er „Türkisches Modell“ nennt (S. 31). Weiterlesen

Die lange Geschichte der Verfolgung kurdischer Medien – in Europa

20170514-stuttgart-11a4f79-imageWenn in der Türkei ein weiterer Fernsehsender dicht gemacht, eine andere Zeitung geschlossen oder gar Journalisten festgenommen werden, ist Europa (zurecht) in heller Empörung. Mehr als 149 Medien sind seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 bereits geschlossen worden, Tendenz steigend. Nicht ein Tag vergeht ohne Nachricht über weitere Verhaftungen. Zuletzt war es die deutsche Journalistin Mesale Tolu, die für das mittlerweile ebenfalls verbotene Özgür Radyo gearbeitet hatte. Sie sitzt seit mehr als zwei Wochen im Gefängnis.

Wenn es um die Verfolgung kurdischer Medien innerhalb Europas geht, schweigt man sich hingegen aus. Weiterlesen

Call for Papers: 1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft

Der Call for Papers für die 1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft ist draußen. Beteiligt euch und reicht Beiträge ein!

1. Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft
30.11./1.12.2017, Ludwig-Maximilians-Universität München

u.a. mit Prof. Michael Meyen (Ludwig-Maximilians-Universität München), Prof em. Manfred Knoche (Universität Salzburg, Österreich, tbc.); Prof. Christian Fuchs (WIAS, CAMRI, University of WestminsterLondon, UK), Prof. Tanja Thomas (Universität Tübingen, tbc.)

Die Notwendigkeit „Kritischer Kommunikationswissenschaft“ liegt in der Realität des Mediensystems begründet (Kommodifizierung, Ideologisierung, Arbeitsbedingungen, etc.). Kritische Kommunikationswissenschaft findet aufgrund der jahrzehntelangen Marginalisierung im deutschsprachigen Raum zurzeit eher in benachbarten Disziplinen sowie international statt. Nicht zuletzt für Wissenschaftler_innen in der Qualifizierungsphase und Studierende ergibt sich daraus die Notwendigkeit eines eigenen Netzwerks. Kritische Perspektiven innerhalb der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Forschung zu fördern, geht einher mit Kritik an der derzeitigen Verfasstheit dieser Wissenschaften.
Unter kritischer Kommunikationswissenschaft verstehen wir zunächst Forschung mit einem Bezug zu Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse, mit einem Fokus auf Herrschaftsformen und Machtungleichgewichte, mit einem Verständnis von der historischen Gewordenheit gesellschaftlicher Verhältnisse und mit der Perspektive auf deren Transformation. Daraus ergibt sich ein Praxisbezug im Sinne einer engagierten Wissenschaft und Lehre. Die so verstandene kritische Kommunikationswissenschaft umfasst verschiedene Theorietraditionen und ist geeignet die disziplinäre Spaltung zwischen Kommunikations- und Medienwissenschaft zu überwinden.
Auf der Gründungs-Tagung des Netzwerkes Kritische Kommunikationswissenschaft sollen drei Fragekomplexe diskutiert werden: Weiterlesen

Seminar: Soziale Medien und Kapitalismus – eine kritische Einführung

udc-teil-11-illu-x

Marx-Selfie. Bildquelle*

Im Sommersemester 2017, das am 24. April gestartet hat, bieten Dr. Thomas Allmer (University of Stirling) und ich (Ludwig-Maximilians-Universität München) an der LMU ein Blockseminar mit dem Titel “Soziale Medien und Kapitalismus – eine kritische Einführung” an. In diesem Blogbeitrag findet ihr den Seminarplan. Dies soll zum einen die Transparenz unserer Arbeit erhöhen und Möglichkeiten des Feedbacks geben, zum anderen regt die Literatur und die Konzeption des Seminars vielleicht zu weiteren ähnlichen Projekten/Lehrveranstaltungen an Universitäten an. Weiterlesen