“Herzlich Willkommen in Kobane”

Nach einigen Tagen in Rakka geht es weiter in Richtung Kobane. Die legendäre Stadt, in der die Schlächter des sogenannten „Islamischen Staates“ zum ersten Mal besiegt wurden und der Siegeszug der Frauen- und Volksverteidigungseinheiten YPJ und YPG begann. Im Herbst 2014 waren wir mit tausenden Menschen auf der Straße, um gegen das Schweigen der Welt angesichts des IS-Angriffes zu protestieren. Weil sich die westliche Staatengemeinschaft einen solchen öffentlichen Gesichtsverlust nicht leisten konnte und es in die strategischen Pläne der USA passte, wurde die Stadt kurz vor dem Fall freigebombt. Allerdings wäre dieser erste Sieg nicht ohne den heroischen Kampf der YPG und YPJ gelungen, die maßgeblichen Anteil an der Zurückdrängung der Dschihadisten hatten.

In diese Stadt geht es nun. Im März 2015 stand ich auf der anderen Seite, in der Nachbarstadt Suruc, damals als Teil einer Newrozdelegation des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan (YXK). Die Grenze war schon damals dicht und wir konnten nicht hinüber. Das galt natürlich nur für Unterstützer der Kurden. IS-Kämpfer konnten lange Zeit ungehindert hin und her marschieren. Jetzt ist die Grenze zusätzlich noch von einer grauen Betonmauer abgeschirmt, die sich über 900 Kilometer von Afrin bis Derik zieht und die Spaltung Kurdistans im wahrsten Sinne des Wortes zementiert.

Auf der Fahrt von Rakka über Ain Issa nach Kobane komme ich mit einem SDF-Kämpfer namens Gelhat ins Gespräch, der im Pressezentrum des militärischen Bündnisses arbeitet. Wir diskutieren, natürlich, über Afrin. Er sagt, dass mit dem Fall Afrins Syrien nun de facto dreigeteilt sei. In eine US-Hemisphäre östlich des Euphrats, in der die Kurden die Mehrheit stellen, in ein russisches Einflussgebiet westlich des Euphrats mit einem abhängigen Assad-Regime und in eine türkisch-neoosmanische Zone, in der nun ein islamistisches Kalifat errichtet wird. Auch wenn dies manche Linke (oder eher „Linke“) in Deutschland nicht glauben wollen, sind sich die politischen und militärischen Aktivisten in Rojava durchaus der Rolle der USA bewusst. „Klar“, sagt der SDF-Pressemann, während das Auto durch grüne Landschaften rast (der Fahrer ist wieder Heval Kani, den ihr schon kennengelernt habt https://kerem-schamberger.de/2018/03/16/auf-dem-weg-nach-rakka-ain-issa-14-15-3-18/), „die USA sind kein Freund Rojavas. Es geht ihnen darum Einfluss auf die Region zu bekommen. Politisch haben sie mit unserer Sache nichts zu tun. Aber was sollen wir in diesen Zeiten machen? Alleine können wir keinen Bestand haben.“ Die USA hätten die Türkei gewähren lassen, weil Afrin nicht in ihr gewünschtes Einflussgebiet fällt und sie ein Interesse an der Spaltung des Landes haben. Während er diese Worte spricht, kommt uns passenderweise ein kleiner Autokonvoi mit US-Soldaten entgegen. Sie kommen vom Militärflughafen vor Kobane, den die Amerikaner dort gebaut haben. Im Kanton Cizire gibt es einen weiteren und in Deir-e-Zor wird gerade ein dritter Landeplatz gebaut. „Sie wollen ihre Präsenz hier ausbauen und festigen“, sagt Gelhat.  „Wenn die Türkei sich jetzt auch noch mit den USA bezüglich Minbidsch einigen, dann ist ganz Rojava ernsthaft gefährdet“, sagt der Kämpfer, dem an einer Hand zwei Finger fehlen. Er hat sie bei Kämpfen gegen den Islamischen Staat verloren.

Der zentrale Arin Mirkan-Platz in Kobane

Auf einmal kommt uns ein blaues Schild entgegen auf dem „Hun bi xer hatin Kobane“, also „Herzlich Willkommen in Kobane“, steht. Wir sind da. Die Straßen, der direkt an der türkischen Grenze gelegenen Stadt, sind mit Fahnen der YPG, der YPJ, Tev-Dems (Bewegung für eine demokratische Gesellschaft, Dachverband aller die Revolution unterstützenden Organisationen) und vielen anderen Flaggen gesäumt. An fast jedem Geschäft oder Haus hängen Bilder von gefallenen KämpferInnen und Abdullah Öcalan.

Die Erinnerung an im Kampf getötete Menschen prägt das Stadtbild. Und immer dabei: Abdullah Öcalan

Wir fahren zum Gebäude der ANHA-Nachrichtenagentur, die in Kobane ihren Sitz im ehemaligen landwirtschaftlichen Institut des Assad-Regimes hat. Noch heute sind die Einschusslöcher vom Kampf gegen den IS in den Außenwänden des Hauses und sogar in den Stämmen der Bäume, die im Garten stehen, zu sehen. Ich werde freundlich von Heval Ahmet empfangen, dem regionalen ANHA-Chefredakteur, der seit mehr als 20 Jahren als Journalist arbeitet. Obwohl die Sonne schon untergeht, machen wir eine kleine Spritztour durch die Stadt. Es ist wirklich beeindruckend. Die Befreiung vom IS ist gerade mal drei Jahre her und schon steht sie zu 90% wieder. Sie ist „auferstanden aus Ruinen“ und das sogar im Zuge einer gewissen Städteplanung. Die Neubauten schießen nicht willkürlich in die Höhe, sondern weitestgehend geplant und einem Muster folgend. Auch die Stadtverwaltung sorgt für Wohnraum und baut ansehnliche Mehrfamilienhäuser. Mehr als 250.000 Menschen von ehemals ungefähr 400.000 Einwohnern leben wieder hier. Und da Frühling ist, sieht es wirklich so aus, als ob alles blüht und gedeiht. Zwei der 2014 vom IS zerstörten Viertel werden extra so belassen wie sie sind. Sie sollen als Museum und Mahnmal gegen den Krieg dienen.
In der ANHA-Redaktion arbeiten ungefähr zehn Personen, die meisten davon junge Frauen. Auffallend viele arabische junge Erwachsene befinden sich zudem im Team, die kein Wort Kurdisch verstehen und die arabische Version der Nachrichtenagentur betreuen. Keiner von ihnen hat ein Journalismusstudium absolviert, alle erlernen den Beruf direkt hier in der Agentur. Ich komme mit einem jungen kurdischen Kollegen ins Gespräch, der Türkisch spricht. Er war nach dem Beginn des Bürgerkriegs in die Türkei gegangen, um dort Geld zu verdienen. Dort hat er als Arbeiter bei Tiefbohrungen gearbeitet. Ein extrem harter Job und weiteres Beispiel dafür, dass Kurden in der Türkei oft zum untersten Teil der Arbeiterklasse gehören. Die Zeit dort hat er nicht gut in Erinnerung. Mehrmals wurde er um seinen Lohn betrogen und der antikurdische Rassismus war kaum auszuhalten. Bei Polizeikontrollen wurde er oft beschimpft, als die Beamten sahen, dass er aus Kobane stammt. Was er hier zu suchen habe, warum er keine Genehmigung eingeholt habe mit dem Bus zu fahren und so weiter. Und so entschied er sich vor einem halben Jahr zurück zu seiner Familie zu gehen. Seit einem Monat arbeite er nun bei ANHA, sozusagen als „Auszubildender“.

Am nächsten Tag steht ein Interview mit Baran Misko, dem lokalen Korrespondenten von NRT (Nalia Radio and Television) an. Nalia ist eigentlich ein südkurdischer Baukonzern mit Sitz in Sulaymaniyah, der nebenbei ein Medienunternehmen unterhält. Auch die Finanzierung erfolgt über Profite aus dem Baugeschäft. Neben dieser und einer direkten Parteifinanzierung, sind Medien in den kurdischen Gebieten nicht überlebensfähig. Die Werbeeinnahmen sind zu gering und die Menschen hier haben nicht genug Geld, um teure Abonnements zu bezahlen. NRT kann als verhältnismäßig unabhängig bezeichnet werden, auch wenn der Nalia-Eigentümer mit der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) verbunden ist. Misko hat keine journalistische Ausbildung, sondern Agrarwissenschaften studiert, bis der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Um der Welt zu zeigen, was hier passiert, habe er sich entschieden Journalist zu werden. Ausgebildet wurde er in Medienseminaren von Tev-Dem und durch eine zweiwöchige Fortbildung in Südkurdistan. Er liebt seinen Job und legt Wert darauf festzuhalten, dass er hier ohne Probleme arbeiten könne. Er sieht jedoch insgesamt zwei große Hindernisse für kurdische Journalisten in Rojava. Erstens, die fehlenden Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten und zweitens die ständige Kriegssituation, die hiesige Journalisten eher zu schlecht ausgerüsteten Kriegsberichterstattern mache, als zu normal arbeitenden Schreibern.

Ein Haus zum Andenken gefallener KämpferInnen.

Spaziert man durch die Stadt, ist die Revolution von Rojava sehr präsent. Nicht nur wegen der vielen Fahnen und Plakate, sondern vor allem durch die Menschen. Am Azadi-Platz, auf dessen Mitte eine Adler-Figur steht, die wie durch ein Wunder die heftigen Kämpfe 2014/2015 unversehrt überstanden hat, prangen an einem Flachbau mit Garten dutzende Fotos gefallener Kämpfer. Besonders prägnant hängt dort das Bild von Rifat Horoz (Codename: Karker Kobane). Der albanischstämmige Türke verschenkte sein Haus am Schwarzen Meer an eine aus Rojava geflohene Familie und ging nach Kobane, um dort noch im Alter von 60 Jahren am Aufbau der Revolution teilzunehmen (mehr Informationen hier). Er kam am 25. Juni 2015 bei einem Überraschungsangriff des IS auf die Stadt ums Leben. An diesem Tag wurden mehr als 60 IS-Terroristen über die Türkei und mit Wissen türkischer Soldaten an den Grenzübergang direkt am Stadteingang geschleust. Von dort griffen sie, getarnt in YPG-Uniformen und mit einer Autobombe, die Stadt im Morgengrauen an. Sie töteten mehr als 250 Zivilisten und zwei Dutzend Kämpfer, darunter auch Karker Kobane, bevor sie von nachrückenden YPGlern erschossen werden konnten. Ein Massaker.

Die Werschätzung für Rojava gefallene kommunistischer Kämpfer ist sehr hoch. Hier ein Bild aus

Im Vorgarten des Hauses sitzen einige Menschen in Uniform. Einer im Rollstuhl, ein anderer mit Gipsarm und ein dritter mit Krücken. Es sind alles Kriegsversehrte, die nicht mehr kämpfen können. Als ich vor ihnen stehen bleibe, werde ich sofort zum Tee eingeladen. Woher ich komme, wollen sie wissen. „Halb Türke, halb Deutscher“ sage ich. „Was machst du denn hier“ rufen sie lachend und bieten mir einen Sitzplatz an. Noch in keinem Fall habe ich hier übrigens auch nur den Hauch einer Ablehnung gespürt, als die Menschen erfahren haben, dass ich türkische Wurzeln habe. Die Reaktion ist immer dieselbe: „Wir haben kein Problem mit dem türkischen Volk, sondern nur mit dem türkischen Staat“. Eine Haltung, die bei mir Bewunderung auslöst.
Einer der YPGler heißt Halil. Eines seiner Beine funktioniert nicht mehr, nachdem er von einem automatischen Maschinengewehr getroffen wurde. Er ist erst 34 Jahre alt, sieht aber aus wie Ende 40. Der Krieg hat ihn geprägt. Auch an der Verteidigung Kobanes hat er teilgenommen, war einer von zuletzt knapp 85 kurdischen Kämpfern, die der Übermacht des Islamischen Staates in der Stadt gegenüberstanden, bis Hilfe von den USA eintraf. Lebhaft berichtet er von seinen Kriegserfahrungen, wie er insgesamt fünf Mal verletzt wurde, einmal von vier Kugeln auf einmal durchsiebt. Immer hat er überlebt, doch zuletzt wurde er so schwer getroffen, dass er nicht mehr kämpfen kann. Das ärgert ihn sichtlich, aber er gibt nicht auf. „Komm, ich zeig dir in den zerstörten Vierteln wo wir gekämpft haben“, sagt er und springt auf. So schnell das eben mit seinem kaputten Bein geht.

Halil vor einem zerstörten Haus. Das weiße Schild gibt den Kämpfern, die an dieser Stelle ums Leben gekommen sind, einen Namen. In der Stadt stehen hunderte solcher Schilder

Auf dem Weg in das „Freilichtmuseum“ reden wir natürlich auch wieder über Afrin. Viele der verletzten Kämpfer werden hier im Krankenhaus behandelt. Halil hat sie besucht. „Keiner von ihnen hat Schusswunden, alle wurden durch die Luftangriffe getötet oder verletzt. Wenn der Luftraum nicht offen gewesen wäre, hätten sie keine Chance gehabt“, sagt er niedergeschlagen und erzürnt zugleich.
Nach kurzem Fußweg sind wir mitten im Kriegsgeschehen, lebhaft erklärt Halil, wo sie Deckung gesucht hatten, wo sein Freund, Sehid Gelhat, gefallen ist und wie sie über Wochen in zerstörten Häusern gelebt haben. Im Viertel sind die Autobomben des IS noch deutlich zu sehen, überall stehen zerfetzte Wracks, die noch nicht einmal zu rosten angefangen haben. Die Zerstörung der kurdischen Stadt Kobane, vor allem auch durch die US-Luftangriffe, war noch heftiger, als sie jetzt in Rakka ist. 90% der gesamten Stadt war dem Erdboden gleichgemacht. Noch heute findet man viele aufgeräumte Freiflächen in der Stadt, die vor dem Angriff bebaut waren. Als wir an einer riesigen Haubitze vorbeikommen, sagt er: „Die hat uns damals wirklich die Hölle heiß gemacht“.
Plötzlich bleibt er vor einem alleinstehenden halb eingestürzten Haus stehen. Es steht so nah an der türkischen Grenze, dass man eine riesige Türkei-Fahne direkt dahinter wehen sieht. Hier haben sie den IS in eine Falle gelockt, erzählt Halil stolz: „Wir haben auf dem Dach einfach die schwarze Fahne gehisst und auf Arabisch gerufen, dass der IS das Haus eingenommen hat“. Sofort sind viele IS-Kämpfer angelaufen gekommen, um im Haus Schutz zu suchen. Dabei ließen YPG-Kämpfer vorher platzierte Sprengsätze in die Luft gehen, die das Haus halb zum Einsturz brachten und mehr als 45 IS-Terroristen töteten. Seine Erzählung ist lebhaft, man fühlt sich fast in die damalige Zeit hineinversetzt, kann es aber doch nicht wirklich nachvollziehen. Vollkommen surreal wird es, als drei kleine Jungs vor dem Haus anfangen Fußball zu spielen und freudig anfangen zu schreien.

Das Haus, in dem die YPG dem IS einen Hinterhalt legten. Im Hintergrund die türkische Fahne und die graue Grenzmauer

Auch beim IS-Massaker vom 25. Juni 2015, bei dem Karker Kobane ums Leben kam, war Halil dabei: „Wir kamen gerade von der Front, es war frühmorgens. Auf einmal hieß es: ‚Der IS ist in der Stadt‘“. Er berichtet, wie der IS direkt über den türkischen Grenzübergang kam und alle Menschen, die im angrenzenden Viertel lebten, niedermetzelte. „Siehst du diese Straße da? Das war ein richtiger Fluss aus Blut“ sagt er und wird ruhig. Das, was er dort gesehen hat, muss selbst den erfahrenen Kämpfer traumatisiert haben.
Nach einem „Stadtrundgang“ den ich nie vergessen werde, verabschieden wir uns. Ich tauche in das pulsierende Leben der direkt angrenzenden Innenstadt ein und versuche das eben Gehörte zu verarbeiten. Kobane – eine Stadt des Leidens, der Zerstörung, aber auch des Widerstandes und des Sieges.

Die im Text erwähnte Haubitze

Zerstörte Häuser und Reste von Autobomben