Die letzten Tage war ich bei ANHA in Kobane „embedded“. Gemeinsam mit den hier tätigen Journalisten habe ich am Arbeitsalltag in der Nachrichtenagentur teilgenommen. In der Früh finden immer Redaktionssitzungen statt, die von einer Frau geleitet werden. Dort wird besprochen, was an diesem Tag ansteht und wer welche Aufgaben übernimmt. Klassisch, kennt man so auch in Deutschland. Spannend ist hier allerdings, dass die Sitzung zweisprachig stattfindet. Denn es arbeiten auch drei Araber, die aus Ain Issa und Rakka sind, mit. Sie sprechen kein Kurdisch und deshalb wird ständig zwischen Arabisch und Kurdisch gewechselt. Es wirkt kompliziert, scheint aber gut zu funktionieren, weil alle Kurden hier auch Arabisch können. Sie erlernen in den Schulen Rojavas nun zwar primär ihre Muttersprache, anschließend gibt es aber immer auch Arabisch-Unterricht.

Danach geht es für drei von uns in die Innenstadt Kobanes. Dort sollen am Tag vor Newroz Statements der politischen Parteien zum Fest des Widerstandes gesammelt werden. Als erstes geht es zur PDKS. Ausgeschrieben bedeutet das Demokratische Partei Syrien-Kurdistan. Von dieser Partei gibt es hier zwei bis drei verschiedene gleichnamige. Eine davon ist vollkommen auf Barzani-Linie und steht Rojava feindlich gegenüber, eine andere wiederum unterstützt den politischen Prozess und beteiligt sich an den Rätestrukturen. Letztere besuchen wir ohne Vorankündigung und bitten um ein Statement. Ihr Parteibüro ist in einer Nebenstraße der Innenstadt. An der Wand hängen Mitglieder der PDKS, die in den Reihen der YPG gefallen sind. Ein Beweis dafür, dass die Volksverteidigungseinheiten keine Parteimiliz der PYD (Partei der Demokratischen Einheit) sind, sondern sich Spektren übergreifend organisiert.

Interview mit der PDKS-Vorsitzenden von Kobane

Anschließend geht es zur PYDKS, der Kurdisch-Demokratischen Einheitspartei in Syrien, die Mitglied im oppositionellen ENKS-Bündnis ist und Rojava nicht unbedingt freundlich gesinnt ist. Trotzdem versuchen die ANHA-Journalisten von ihr ein Newroz-Kommentar zu erhalten. Als wir ins Parteibüro treten, sitzen dort zwei alte Herren und spielen mit ihren Handys. Sie wollen sich zu Newroz nicht äußern, da „von oben“ die Anordnung gekommen sei, Newroz dieses Jahr nicht zu feiern. Warum genau, ist nicht klar. Sie sagen etwas von wegen Afrin, aber als politischen Verlust können sie die türkische Besetzung des Kantons nicht unbedingt sehen, da sie sich in vielen Erklärungen immer gegen die Selbstverwaltung gewandt haben und auch militärische Einheiten, die dem ENKS nahestehen (oder früher nahestanden), sich an der Invasion beteiligten. Unverrichteter Dinge ziehen wir wieder ab. Nächste Station ist die PYD, die Partei der Demokratischen Einheit und anschließend die Kurdische Linkspartei, von denen sich jeweils eine Frau äußert. Insgesamt ist in Kobane auffällig, wie viele Frauen sich an den verschiedenen politischen Prozessen beteiligen und auch im Alltag präsent sind. Sei es bei ANHA, den Sicherheitskräften (Asayish) oder auch auf der Bühne des Newroz-Festes, aber dazu später mehr.

Als wir auf dem Rückweg in die Redaktion sind, kommen wir am zentralen Haus zum Gedenken an gefallene Menschen aus Kobane vorbei. Die ANHA-Journalistin, mit der ich unterwegs bin, führt mich ins Gebäude und wir betreten einen großen Raum, dessen Wände mit hunderten, wenn nicht tausenden Sehid-Bildern behangen sind. Allein die schiere Anzahl an Porträts von Menschen, die ihr Leben für eine demokratische Gesellschaft, für ein fortschrittliches Kurdistan gegeben haben, ist überwältigend und bedrückend. An einer Ecke bleibt die Journalistin stehen und zeigt auf ein Bild: „Das ist mein älterer Bruder. Er ist bei der Verteidigung Kobanes 2014 gefallen. Mein zweiter Bruder ist vor vier Wochen in Afrin bei einem türkischen Luftangriff gestorben.“
Was soll man nach solchen Worten sagen, wie soll man reagieren? Einfach nur ein „Beileid“ aussprechen? Reicht das aus? Ich denke nicht. Am ehesten setzt man sich für das Andenken dieser Menschen ein, indem man Solidarität mit der kurdischen Freiheitsbewegung zeigt, indem man sich mit ihrer Sache auch in Europa gemein macht und ihre berechtigten Anliegen dort vertritt. Das verspreche ich mir zumindest erneut. In dem konkreten Moment, in dem Raum, der übervoll mit Bildern ist, weiß ich allerdings nichts zu sagen und stottere irgendetwas vor mich hin.

Sehid Namirin!

Am nächsten Tag, dem 21. März, steht in Kobane das Newroz-Fest an. Das Neujahr wird am Mishtenur-Hügel, dem höchsten Punkt der Stadt gefeiert. Dort gab es 2014 im Kampf gegen den IS besonders heftige Kämpfe, die Gegend war von Minen und Sprengfallen „verseucht“. Heute, drei Jahre später, sitzen tausende Familien auf Decken und schwenken verschiedene Fahnen: YPG, YPJ, PYD, MLKP, Rot-Grün-Gelb und Abdullah Öcalan –  alles ist dabei. Die Stimmung ist kämpferisch, trotz oder gerade wegen Afrin.

Da es mir gesundheitlich gerade nicht so gut geht (Merke: Leitungswasser sollte man in Rojava auch nach zwei Wochen Eingewöhnungszeit nicht trinken), sprechen zum Abschluss dieses Blogbeitrags nun die Bilder der Newroz-Feier: