Nach einigen Tagen Kobane geht es wieder zurück nach Qamischli. Es stehen weitere Interviews mit Akteuren des kurdischen Mediensystems in Rojava, Nordsyrien an. Eigentlich war noch ein Gespräch in Kobane mit dem Vertreter eines Regionalradios geplant, dieses muss aber ausfallen. Warum? Wie schon einmal geschrieben, ist es in Nordsyrien nicht leicht von Stadt zu Stadt zu kommen, geschweige denn von Kobane nach Qamischli. Dazwischen liegen mehr als 350 Kilometer und das bei schlechten Straßenverhältnissen. Deshalb muss man jede Mitfahrgelegenheit ergreifen, die sich ergibt. Zufälligerweise fährt gerade Deniz, ein Freund, der in der Verwaltung der SDF aktiv ist, mit dem Auto nach Qamischli. Diese Chance muss ich nutzen, sonst kann es einen, zwei, drei Tage dauern, bis man ein nächstes Auto findet, dass einen mitnehmen kann.

Rojava-Landschaft im Frühling

Die Strecke führt fast die ganze Zeit an der Grenze zur Türkei beziehungsweise Nordkurdistan entlang. Über hunderte Kilometer zeichnet sich die graue Betonmauer ab, die die Türkei zur Abschottung hat bauen lassen. Teilweise ist sie so nah, dass man sie berühren könnte, wenn man die Hand aus dem Fenster streckt. Das haben einige Jugendliche der Jugendunion Rojavas genutzt und revolutionäre Sprüche auf die Mauer gesprüht.

Deniz kann etwas Türkisch, sodass wir uns während der fünfstündigen Fahrt ausgiebig unterhalten können. Vor seinem jetzigen Job hat er in der Ökonomie-Kommission Rojavas gearbeitet. Dort war er zufälligerweise dafür verantwortlich, die Presseanfragen zu koordinieren und Gesprächspartner zu vermitteln. Einschränkungen gab es dabei keine, sagt er. Es hätten fast immer nur kurdische Journalisten Fragen zur ökonomischen Entwicklung Rojavas und zum Aufbau der Kooperativen auf dem Land und in der Stadt gehabt. „Warum interessieren sich ausländische Journalisten nicht dafür, an was für einer alternativen Ökonomie wir hier arbeiten“ fragt er mich. Ich habe darauf auch keine wirkliche Antwort. Deniz verdreht die Augen, stellt das Radio lauter und drückt noch stärker aufs Gas.
Auf dem Weg hören wir zwei Klassiker der türkischen Rapmusik: Ceza und Sagopa. Das wundert mich, da letzterer für seine türkisch-nationalistischen Einstellungen bekannt ist. „Ach weißt du, die Musik gefällt mir einfach. Außerdem hören türkische Faschisten auch Ahmet Kaya. Ist das nicht auch ein Widerspruch?“ Widerspruchsfrei ist nichts in diesem Leben, weder in Deutschland noch in Rojava. Das merke ich in dieser Zeit immer wieder.
Wir kommen an den Städten Girespi (arab.: Tall Abyad) und Serekaniye (arab.: Ras al-Ain) vorbei. Sie liegen direkt an der türkischen Grenze. Auf der anderen Seite gibt es ebenfalls Städte, Akcakale und Ceylanpinar. In ersterer befinden sich Ausbildungslager von Dschihadisten, die als Flüchtlingslager getarnt sind, erklärt mir Deniz. „Früher haben sie dort den IS ausgebildet, jetzt weiß ich gerade nicht, wer dran ist.“ Bis zur Befreiung Girespis im Juli 2015 war dies eine der Hauptzugangsrouten des IS von der Türkei nach Syrien. Als die YPG und YPJ diese Stadt eroberten, schäumten die Dschihadisten und die Türkei vor Wut.

Eine riesige YPG-Fahne in Girespi säumt die Straße zum türkischen Grenzübergang

Plötzlich schwenkt ein Mopedfahrer auf die Straße ein, ohne auf uns zu achten, ohne nach links und rechts zu schauen. Wir müssen scharf abbremsen. Ich schüttele den Kopf, doch für den Freund scheint das normal zu sein. Er erklärt mir, dass hier niemand wirklich auf den Verkehr achte und es viele Verkehrstote gebe: „Weißt du, ein Leben zählt hier nicht viel“. Erst vor Kurzem hätte er bei einem ähnlichen Manöver nicht mehr abbremsen können und ein Moped mit zwei Personen darauf überfahren. Eine davon starb. Als sie zur Familie des Getöteten fuhren, um sich zu entschuldigen und gegebenenfalls eine Entschädigungssumme zu zahlen, soll der Vater gesagt haben (und diese Worte schockieren mich auch noch in diesem Moment), dass er doch noch acht andere Söhne habe und es deshalb nicht schlimm sei, wenn es einer weniger ist. Deniz schaut mir in meine entsetzten Augen und sagt: „Wie gesagt, ein Leben zählt hier nicht viel. Aber auch genau deswegen machen wir die Revolution, damit das Leben des Einzelnen wieder etwas Wert wird.“ Ein Spruch, der mir in Erinnerung bleiben wird.

In den vergangenen und auch kommenden Tagen stehen einige Interviews an. So gab es ein Gespräch mit Kardo Bokani, dem Ko-Vorsitzenden der Informationsabteilung bei Tev-Dem, der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft. In einem gewissen Sinne stellt Tev-Dem auch die Verwaltungsstrukturen der hier stattfindenden Revolution dar. Bokanis Abteilung liefert den anderen Kommissionen Informationen, Zahlen, Statistiken, die diese für ihre tägliche Arbeit benötigen. Außerdem geben sie ein wöchentliches Bulletin auf Englisch heraus, das die internationale Öffentlichkeit über die Entwicklungen in Rojava unterrichtet. Auch weltweite Presseanfragen beantworten sie. Das Gespräch beginnt mit Fragen zum täglichen Umgang mit Journalisten und endet in einer lebhaften Diskussion zur Theorie der Quantenphysik, die Öcalan zur Erklärung sozialer Entwicklungen hernimmt. Es stellt sich heraus, dass Bokani auch im Vorstand der Rojava-Universität ist, die sich derzeit im Aufbau befindet. Ihm liegt vor allem der Aufbau einer philosophisch-politischen Fakultät am Herzen, in der natürlich Öcalan, aber auch andere Philosophen (Marx ist dabei) gelehrt und diskutiert werden sollen.

Auch mit Ekrem Berekat, dem Ko-Vorsitzenden der Freien Journalistenunion (Yektiya Ragihandina Azad, YRA), führe ich ein Gespräch. Die YRA ist einzige journalistische Berufsorganisation, die es in Nordsyrien gibt. Insgesamt gibt es in Rojava 1000-1500 Menschen, die sich als Journalisten verstehen, erzählt er. Doch die YRA habe gewisse Kriterien für eine Aufnahme: mindestens ein Jahr journalistische Arbeit, zehn veröffentlichte Artikel, eine Medium für das man arbeitet (Ausnahme: Freelancer). Das Gehalt spielt, im Gegensatz zu deutschen Pendants der YRA, keine Rolle. Dies liege daran, dass viele Journalisten sehr wenig verdienen beziehungsweise kein festgelegtes Gehalt haben. Für Journalisten, die in Medien arbeiten, die der kurdischen Freiheitsbewegung nahestehen (und das ist die übergroße Mehrheit der in Rojava lebenden Journalisten), spielt Gehalt oft keine große Rolle. Das ist für Menschen aus Europa schwer vorstellbar, aber hier ist das tatsächlich der Fall. Viele bekommen das, was sie zum Leben benötigen. Nicht mehr und nicht weniger. Wende man nun die YRA-Kriterien an, so bleiben noch 500 Journalisten in Rojava, so Berekat. Von diesen sind 300 im Berufsverband organisiert. Dabei spiele die politische Ausrichtung des Mediums keine Rolle. So sind auch Journalisten des Fernsehsenders Kurdistan24, der in Erbil beheimatet ist und der Barzani-Linie kurdischer Politik nahesteht, dabei.

Besonders beeindruckt hat mich ein Gespräch mit dem Journalisten Nazim Dastan (Mesopotamien Nachrichtenagentur), der während des Angriffskrieges auf Afrin aus der Stadt berichtet hat. Er hat es vor wenigen Tagen gerade noch so aus der Stadt geschafft, bevor der dschihadistische Belagerungsring sich komplett schloss. Dastan hat auch über die Befreiung Rakkas berichtet. Als die SDF noch vor der Stadt lag, überlebte er mit viel Glück eine Autobombe. Sie explodiere fünf(!) Meter neben ihm, er wurde schwer verletzt. Nach seiner Genesung ist er allerdings sofort wieder nach Rakka, um weiter von den dortigen Entwicklungen zu berichten.
Wie gesagt: beeindruckend. Schicksale kurdischer Journalisten gehen häufig in diese Richtung. Die meisten, mit denen ich bisher sprach, saßen monate- oder jahrelang im Gefängnis und/oder wurden während ihrer Tätigkeit verletzt. Viele wurden auch getötet. Ihre Namen kennt im Westen niemand. Die Dissertation wird auch im Andenken an diese “unbekannten” Journalisten geschrieben werden.