Abschließende Gedanken aus Kurdistan

Die Kandil-Berge aus der Perspektive von Choman

Mehr als vier Wochen habe ich mich nun in den verschiedenen Teilen Kurdistans aufgehalten. Da am 9. April das Sommersemester an der Ludwig-Maximilians-Universität und damit die Lehre wieder beginnt, musste ich mich auf den Rückweg nach Europa machen. Die Zeit in Rojava, also Westkurdistan, war lehrreich, sowohl im wissenschaftlichen als auch im politischen Sinne. Am Ende dieses letzten Blogeintrages finden sich einige abschließende Eindrücke zum dortigen Mediensystem.

In Kurdistan gibt es viele Geschichten, die „lohnen“ aufgeschrieben zu werden. Als ich aus Rojava/Nordsyrien wieder nach Südkurdistan in die Stadt Erbil (kurdisch: Hewler) komme, werde ich von Abdülaziz Bilgi aufgenommen. Er arbeitet sechs Tage die Woche neun Stunden am Tag in einer Großbäckerei. Eigentlich kommt er aus der nordkurdischen Stadt Sirnak und war dort eine angesehene Persönlichkeit: örtlicher Vorsitzender der Partei der demokratischen Regionen (DBP) und stellvertretender Bürgermeister Sirnaks, einer Hochburg der kurdischen Freiheitsbewegung. Wie viele andere, befindet er sich seit einiger Zeit in Erbil im erzwungenen Exil. Die türkische Justiz sucht ihn, wie immer wegen „Terrorproganda“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“, gemeint ist die Arbeiterpartei Kurdistans. Ich sehe nun mit eigenen Augen, dass er kein PKK-Mitglied ist, sondern ein früherer politischer Aktivst, der jetzt als Bäcker arbeiten muss. So wie ihm, geht es hier vielen: „Es gibt hier in der Stadt mehr als 200 Menschen, die alleine in den letzten Monaten geflohen sind“, sagt er und schaut dabei wehmütig. Seine Frau und seine jungen Kinder musste er in Sirnak zurücklassen. Er sieht sie nur sehr selten, da der Weg aus der Türkei in den Nordirak nicht immer einfach ist. So als ob das Exil und die Trennung nicht schon Strafe genug wäre, musste er seine Familie auch in einer unsicheren Unterkunft zurücklassen: „Mein Haus war in der Innenstadt, es wurde von der türkischen Armee zerstört“. Damit gehört er zu den Zehntausenden, die in den Jahren 2015 und 2016 ihr gesamtes Hab und Gut verloren, als türkische Sicherheitskräfte circa ein Dutzend kurdische Städte belagerte und große Teile zerstörte. Ein Leben, eine Familie, die durch die Kriegspolitik des türkischen Staats kaputt gemacht worden ist. Es ist immer wieder schwierig, dies mit den richtigen Worten zu beschreiben.

Am nächsten Tag geht es in aller Frühe nach Choman, einer Kleinstadt in der Nähe der Kandil-Berge, die im irakisch-iranischen (also eigentlich südkurdisch-ostkurdischen) Grenzgebiet liegt. Dort treffe ich Kamal Chomani, einen der bekanntesten unabhängigen Journalisten Südkurdistans. Seit 13 Jahren schreibt er für verschiedene Medien, so zum Beispiel für die Zeitungen Hawlati und Awene, die nach 2003 zu den wichtigsten Nachrichtenmedien gehörten, mittlerweile aber durch Internet und TV stark an Reichweite und Einfluss verloren haben. Auch international publiziert er, zum Beispiel bei Al-Monitor. Sein Haupteinkommen bezieht Chomani aber durch eine Anstellung als Englischlehrer. „Nur so kann man wirklich unabhängig bleiben“, meint der 32-Jährige im Gespräch. Denn wer eine Festanstellung habe, der sei an die politische Linie der Redaktion gebunden, die oft von den verschiedenen südkurdischen Parteien oder Politikern vorgegeben werde.
Der Besuch in Choman wird aber nicht nur zu einem Trip für ein Dissertationsinterview. Fast drei Tage zeigt mir der Journalist die wunderschöne Natur, nimmt mich zu einer Grillparty im Freundeskreis mit und klärt mich über die Geschichte der Region auf. So wurde die Stadt und alle umliegenden Dörfern in den 80er Jahren bei Angriffen der irakischen Armee komplett zerstört: „Kein Stein stand mehr auf dem anderen, bis 1991 konnten wir uns hier nicht aufhalten“ meint Chomani, der die ersten sechs Jahre seines Lebens als Binnenflüchtling verbringen musste. „Als wir zurückgekommen sind, war alles vermint“ sagt er, während wir einen Berghang mit dem Pick-Up seiner Eltern hochfahren. Links und rechts von uns stehen große Minenwarnschilder und die Wiesen und Hänge sind übersät mit kleinen roten Pfeilen, die auf dort liegende Minen und andere explosive Gegenstände aufmerksam machen. Mitte der 90er Jahre starb Kamals ältester Bruder, weil er genau in dieser Gegend auf eine Mine getreten war. Er wurde direkt am Feldrand begraben.

Grillparty in den Bergen Chomans

Die Stadt selbst liegt malerisch zwischen dem höchsten Berg des Iraks, Cheekha Dar (3611m) und dem Kandil-Gebirge. In allen vier Himmelsrichtungen sieht man ein Gesteinsmassiv nach dem anderen, die iranische Grenze ist nur 15 Kilometer entfernt. Politisch liegt die Gegend in einem Gebiet, dass von der Barzani-Partei KDP (Kurdistan Democratic Party) kontrolliert wird. Mustafa Barzani, langjähriger Vorsitzender der Partei, hatte hier bis Ende der 70er Jahre sein uneinnehmbares Rückzugsgebiet, noch heute sieht man die Ruinen seiner Paläste und Knäste. Heute allerdings ist die Bevölkerung der KDP gegenüber überhaupt nicht mehr positiv gesinnt. Die PKK genießt hier breite Unterstützung und Sympathie, so wie in immer mehr Dörfern und Städten Südkurdistans. Das bekomme ich persönlich bei vielen Gesprächen mit den Bewohnern Chomans mit, vor allem bei besagtem Grillfest. Dort outet sich selbst der regionale Vorsitzende der KDP-Konkurrenz PUK (Patriotic Union of Kurdistan) als Befürworter der PKK.

Sonnenuntergang in Machmur

Nach intensiven Tagen und einem neu gewonnenen Freund in Choman, geht es wieder zurück nach Erbil und von dort aus direkt in das Camp Machmur, dass ich mit Rojnews bereits im letzten Jahr besucht hatte (für mehr Informationen siehe Bericht vom letzten Jahr). Damals war die Stadt Machmur (nicht das Camp) noch unter KDP-Kontrolle, mit dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum vom September 2017 wurde sie allerdings von irakischen Haschd asch-Schabi-Milizen eingenommen. Seitdem ist die Hauptverbindungsstraße zwischen Machmur und Erbil gesperrt, nur eine provisorische, sehr holprige Bergstraße verbindet das Camp sowie die Stadt selbst noch mit KDP-Gebiet. In Machmur treffe ich mich mit alten Freunden und Journalisten, allerdings ohne ein Interview zu führen. Das letzte Gespräch für die Dissertation führe ich am Tag vor meiner Abreise mit Wladimir van Wilgenburg, einem niederländischen Journalisten, der seit fast 10 Jahren in der Region tätig ist, für kurdische als auch internationale Medien.

Unterkunft im Camp Machmur

Auch wenn dieser Blogbeitrag bisher von Südkurdistan handelt, sollen nun einige abschließende stichpunktartige Eindrücke des westkurdischen Mediensystems präsentiert werden. Verweisen möchte ich davor auf die letztjährigen Gedanken zu Südkurdistan , da diese auch einige grundlegenden Ideen für die Funktionsweise eines gesamtkurdischen Mediensystems enthalten, sowie einen Hinweis auf die zu Grunde liegende theoretischen Brille der Schimankschen Akteur-Struktur-Dynamik geben (für mehr theoretischen Background der Arbeit siehe das Dissertationsexpose ab Seite 11)

  • Das westkurdische Mediensystem existiert als solches erst ab 2011/2012. Entstehen konnte es erst mit den Protesten gegen das Assad-Regime und dem Beginn der politischen Umgestaltungen in den nordsyrisch-westkurdischen Gebieten ab Juli 2012. Davor war es Kurden nicht erlaubt eigenständige kurdische Medien zu gründen.
  • Das westkurdische Mediensystem ist sehr stark von den militärischen, politischen, infrastrukturellen Bedingungen geprägt. Es gibt insgesamt keine sehr große Medienvielfalt, dies hat finanzielle und technische Gründe.
    Militärisch: die ständige Bedrohung von außen (siehe Türkei) als auch von innen (siehe IS und Assad-Regime) bestimmt den Medienalltag und der für sie arbeitenden Journalisten. Viele Journalisten haben Erfahrung in Frontberichterstattung, ihr Schutz wird durch Militärs der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) gewährleistet. Bis auf sicherheitsrelevante Themen, kann dabei über alles berichtet werden. Viele Journalisten tragen zum eigenen Schutz auch selbst Waffen

    • Politisch: Genauso wie in Südkurdistan gibt es auch in Westkurdistan so gut wie keinen im westlichen Sinne „unabhängigen“ Journalismus. Dieser ist in Rojava stark davon geprägt, wie man zur derzeit stattfindenden gesellschaftlichen Umgestaltung steht. Die Medien, die die Revolution unterstützen (zum Beispiel ANHA, Ronahi, Ronahi TV, städtische Radio- und Fernsehsender) sind dabei in der übergroßen Mehrzahl. Zudem befinden sich einige wenige südkurdische (KNN, NRT, K24, seit neuestem wieder Rudaw) und nordkurdische (Jinnews, Mezopotamya Ajansi) Medien mit eigenen Korrespondenten in Rojava. Außerdem gibt es Medieneinrichtungen, die von ausländischen NGOs oder Medien unterstützt werden, so zum Beispiel das Radio Arta FM, unterstützt von der Deutschen Welle.
    • Infrastrukturell: In vielen Orten gibt es nur eine stundenweise Stromversorgung. Eine dauerhafte durchgängige Versorgung ist nur über Dieselgeneratoren möglich. Dies schränkt die Möglichkeit der journalistischen Arbeit ein. Die Internetverbindung wird in den Regionen nahe der türkischen Grenze über türkische Anbieter gewährleistet und unterliegt damit der türkischen Zensur kurdischer Medien. So ist zum Beispiel die pankurdische Nachrichtenagentur ANF oft nur über verschlüsselte VPN-Netze erreichbar.
    • Finanziell sind die kurdischen Medien nicht eigenständig überlebensfähig. Wie auch in Südkurdistan gibt es keinen ausreichend großen Anzeigenmarkt, um eine Finanzierung durch Werbung zu gewährleisten. Zudem lehnen viele Medien aus prinzipiellen Überlegungen ab, Werbeanzeigen zu schalten Eine Nutzerfinanzierung funktioniert aufgrund der geringen Kaufkraft der Menschen ebenfalls nicht. Die Finanzierung erfolgt deshalb oft durch Spenden oder die dem jeweiligen Medium nahestehenden politischen Organisationen.
    • Auch das Fehlen technischer Mittel macht sich bemerkbar. So gibt es in Nordsyrien keine Druckerpresse, die auf Zeitungen ausgerichtet ist und die entsprechenden Kapazitäten hätte. Die auflagenstärkste Ronahi-Zeitung (unter 10.000) kann deshalb zum Beispiel deshalb nur zwei Mal die Woche erscheinen.
  • Kurden wurde vor 2012 (siehe Punkt 1) zudem verweigert an den großen Universitäten des Landes (Damaskus/Aleppo) Journalismus zu studieren. Eine Professionalisierung konnte so erst nach und nach in den letzten Jahren stattfinden. Bis heute gibt es nur an sogenannten „Akademien“ der kurdischen Freiheitsbewegung, die Möglichkeit Journalismuskurse zu belegen. Viele Journalisten erlernen ihren Beruf bis heute „learning by doing“. Dadurch wird derzeit eine eigene, sehr junge Generation von Journalisten ausgebildet, die durch die Ideen und die Ethik der kurdischen Freiheitsbewegung geprägt sind. Viele in Rojava arbeitende Journalisten sind aus der Not des Bürgerkriegs zu Berichterstattern ihrer eigenen Lebenssituation geworden.
  • Schriftlich fixierte, die Medien betreffenden Gesetze (zum Beispiel erlassen durch die Demokratische Föderation Nordsyrien) oder Kodizes (zum Beispiel durch den Journalistenverband YRA) gibt es selten bis nie. Wo es sie gibt, spielen sie im (Arbeits-)Alltag der Journalisten keine große Rolle. Bestimmend sind auch hier Machtverhältnisse zwischen verschiedenen Handlungsakteuren (siehe Gedanken zu Südkurdistan), allerdings haben journalistische Akteure eine im Vergleich zu Südkurdistan größere Handlungsfreiheit, sie können ohne größere Einschränkungen berichten.
  • Kurdische Journalisten arbeiten in Rojava oft unter prekären Bedingungen, haben keine Arbeitsverträge und nur sehr geringe Monatseinkommen. Journalisten der Medien der kurdischen Freiheitsbewegung haben hier aber oft eine komplett andere Einstellung und sehen ihre Arbeit als „Dienst für die Sache“. Journalistische Selbstorganisierung findet in der YRA (Union der Journalisten Rojavas) und RAJIN (Union der Frauenjournalisten in Kurdistan) statt. Diese setzen sich für eine stärkere Instituionalisierung des Journalismus ein, treten für die Rechte von Journalisten ein und organisieren Fortbildungen.

Diese Aufzählung ist relativ unsystematisch und nicht vollständig. Allerdings gibt sie einen ersten Einblick in das Mediensystem Rojavas. Aus forschungsethischer Perspektive muss ich auch meine eigene Rolle in diesem Forschungsprozess reflektieren. Ich habe dort nicht nur die Position eines teilnahmslosen Beobachters innegehabt, sondern habe mich in der Zeit meines Aufenthalts selber journalistisch engagiert (für Neues Deutschland, junge Welt, kommunisten.de und auf diesem Blog). Außerdem war ich die meiste Zeit „embedded“ in Medien, die der kurdischen Freiheitsbewegung nahestehen. Über sie konnte ich mich von Stadt zu Stadt bewegen, habe ein Dach über dem Kopf gehabt und wurde verpflegt. Dies wirkt sich natürlich auf meine Wahrnehmung dieser Medien aus. In der Dissertation muss dem ein eigenes Kapitel gewidmet sein.

Mit diesen Zeilen endet die Blogserie aus Rojava und Südkurdistan. Ich sitze in meinem kühlen, gut ausgestatteten Büro der Ludwig-Maximilians-Universität und muss mich an diese neue Realität erst gewöhnen – jetzt beginnt der Alltag in der kapitalistischen Moderne erneut.