Nach fast einer Woche Anreise, habe ich es gestern Abend endlich in die Demokratische Föderation Nordsyrien (DFNS) geschafft. So zumindest der politische Name. Die meisten Menschen sagen hier einfach Rojava. Das ist Kurdisch und bedeutet „Westen“. Es beschreibt den westlichen Teil Kurdistans. Derzeit findet hier ein revolutionärer Prozess der gesellschaftlichen Umgestaltung statt, der am ausführlichsten bisher von Anja Flach, Ercan Ayboga und Michael Knapp in „Revolution in Rojava“ beschrieben wurde, deshalb spare ich mir hier die Details.

Sonnenuntergang in Qamishlo, 8.3.18.

In den nächsten Wochen werde ich mich hier aufhalten, um für meine Dissertation zu forschen, also Interviews mit kurdischen Journalisten, politischen Verantwortlichen und Medienaktivisten führen. Auf diesem Blog als auch auf Facebook werde ich meine Erlebnisse beschreiben. Es wird eine Mischung aus wissenschaftlicher Beschreibung und aktivistischer Berichterstattung sein.

Die erste Nacht verbringe ich aus organisatorischen Gründen bei einer Einheit der Volksverteidigungseinheiten YPG in der Stadt Derik im Westen Rojavas. Die Kämpfer freuen sich, Menschen aus dem Ausland zu sehen, sind es aber auch gewöhnt, da sich hier sehr viele internationalistische Aktivisten im zivilen und militärischen Bereich engagieren. Früh morgens, aufgestanden wird um 05:30 Uhr, gibt es Frühstück (Brot, Ei, Tomaten) und eine erste Besprechung. Anschließend fahre ich ins 75km entfernte Qamishlo. Hier werde ich mich im Laufe meiner Forschung am meisten Aufhalten, da hier eines der politischen, administrativen und medialen Zentren Nordsyriens ist. In der Stadt und Umgebung sollen derzeit bis zu eine Millionen Menschen leben.

Der Fahrer ist ein assyrischer Christ, der bei der YPG ist, neben mir sitzt ein YPG-Kämpfer, der Araber ist und in eine andere Basis muss. Es wird von Anfang an klar, dass das, was in Rojava passiert nichts rein „kurdisches“ ist, sondern ein multiethnisches und vor allem politisches Projekt, dass von einer Mehrheit der Menschen getragen wird.

Auf dem Weg geht es durch verschiedene Städte, zum Beispiel Girke Lege und das direkt daneben gelegene Rimelan. Letzteres war zu Regime-Zeiten eine Stadt für Armeeoffiziere, dem Personal der Ölraffinerien und ihren jeweiligen Angehörigen. Denn nicht weit entfernt befinden sich wichtige Ölförderstätten, die jetzt in der Hand der politischen Administration der DFNS ist. Als sich der syrische Staat aus der Gegend zurückzog, gingen auch die Militärs und Ingenieure. Zurück blieb Rimelan, das mit seiner guten Infrastruktur schnell zu einem Zentrum verschiedenster Institutionen der Revolution wurde. Auch viele Familien, die Gefallene zu beklagen haben, sind in den verlassenen Häusern untergekommen.

Bei der Fahrt fällt auf, dass jede Stadt und größere Ansiedlung komplett von einem hohen Erdwall umgeben ist. Davor befinden sich jeweils einen Meter breite und drei Meter tiefe Gräben. Sie sind eine sichtbare „Lektion“ des IS-Angriffs auf Kobane 2014. Die Hügel sollen verhindern, dass mit Sprengstoff beladene Fahrzeuge auf Seitenwegen in die Stadt fahren, der Graben ist eine sogenannte Panzersperre, der ein Weiterkommen verhindert.

Auf einmal kommt uns ein ellenlanger hupender Konvoi aus Pick-Up-Trucks, Bussen und PKWs entgegen, die mit verschiedensten Fahnen bestückt sind. Am häufigsten ist jedoch ein Kreis mit nach unten weggehenden Plus zu sehen, das weltweite Symbol der Frau. In Tirbespi, das ebenfalls auf der Straße zwischen Derik und Qamishlo liegt, findet eine der zentralen Frauenkampftagveranstaltungen statt. Mehr als 6000 Frauen kommen dort im Laufe des Tages zusammen. Leider kann ich selber aus organisatorischen Gründen nicht teilnehmen.

Werbung für den internationalen Frauenkampftag, 8.3.18.

Nach etwas mehr als einer Stunde sind wir in Qamishlo. Die politische Lage in der Stadt ist äußerst komplex und in einem kurzen Blogbeitrag nicht wirklich zu erklären. Der Großteil wird von den politischen und militärischen Strukturen der DFNS kontrolliert. Ein kleiner Teil jedoch auch noch vom Assad-Regime, so zum Beispiel der Grenzübergang nach Nusaybin, einer Stadt, die im türkischen Teil Kurdistans liegt. Aber auch der Flughafen der Stadt ist unter Kontrolle der Regime-Soldaten. Nusaybin wurde 2016 vom türkischen Militär vom Boden und aus der Luft zu weiten Teilen zerstört. Mittlerweile sind viele Häuser wieder aufgebaut, viele der damals vertriebenen Familien können sich die neuen Wohnungen allerdings nicht leisten.

Die Stadt scheint von Qamishlo aus zum Greifen nah, Luftlinie sind es geschätzte 200 Meter, dazwischen verlaufen die alten Schienen der Berlin-Bagdad-Bahn. Nach dem ersten Weltkrieg und Sykes-Picot wurde hier einfach den imperialistischen Interessen entsprechend die Grenze gezogen. 2016 kam es auch in Qamishlo zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Regime und der YPG beziehungsweise den Asayish-Kräften (kurdisch für „Sicherheit“), die in den Städten für die Sicherheit verantwortlich sind. Derzeit ist die Lage jedoch ruhig. Dies liegt auch am türkischen Angriffskrieg auf Afrin, der von Damaskus als auch von der DFNS abgelehnt und bekämpft wird. Das Fahrzeug der YPG, in dem ich sitze, fährt sogar durch einen Regime-Checkpoint, die Soldaten grüßen sich höflich-distanziert und wir werden durchgewunken. Ein komisches Gefühl. Der Rest der Stadt ist voll mit Farben, Logos und Symbolen der verschiedensten politischen und militärischen Teile der DFNS, es finden sich Fahnen der Frauenorganisationen, der Jugendbewegungen, Bilder gefallener KämpferInnen der YPG/YPJ und vor allem auch Abdullah Öcalans. Auch an vielen Kleingewerben, Werkstätten, Kiosken und privaten PKWs sind entsprechende Bilder zu sehen. Ein Zeichen dafür, dass viele Menschen hinter dem politischen Projekt stehen.

Nach einer viertel Stunde kommen wir in einem der YPG-Hauptquartiere an und nach einiger Zeit werde ich dort von einem Journalisten der Hawar Nachrichtenagentur (ANHA) abgeholt und in meine Unterkunft gebracht. Meine Ankunft in Rojava ist geglückt.