Seit zwei Tagen komme ich in der Stadt an, treffe alte Bekannte, plane Interviews mit kurdischen Journalisten und Medieneinrichtungen und besuche neue Institutionen der gesellschaftlichen Umgestaltung. Qamischli ist voll mit verschiedenen Einrichtungen, Kommunen und Zentren und sie ist voll von Generatoren. Aufgrund des Strommangels, stehen an jeder Ecke größere und kleinere Motoren, die mit Diesel Strom produzieren und die umliegenden Geschäfte und Wohnungen versorgen. Läuft man durch die Straßen hört man ein konstantes Brummen. Abends, wenn die Sonne untergeht und man sich auf einem der vielen Flachdächer aufhält, sieht man an vielen Ecken grauen Dunst, der von den Generatoren kommt. Nach Sonnenuntergang bis ungefähr ein Uhr nachts gibt es „normalen“ Strom aus der Dose. Die Stromversorgung Nordsyriens ist ein Problem, da sie meist über Staudämme und entsprechende Kraftwerke funktioniert. Seit die Türkei allerdings die Wasserzufuhr über den Euphrat massiv zurückgefahren hat und die Dämme durch Kämpfe gegen den sogenannten Islamischen Staat beschädigt wurden, kommt es immer wieder zu Engpässen. Es gibt Pläne Solarenergieanlagen zu installieren, Fläche ist genug vorhanden, allerdings fehlt hierfür die benötigte Technik, durch das Embargo der Türkei und Südkurdistans kommt so gut wie kein Material ins Land.

Wandbild für im Kampf gestorbene Internationalisten am Eingang der Kommune

Doch die ersten prägenden Eindrücke von Qamischli sind natürlich nicht primär der Strommangel, sondern positiver Natur. An jeder Ecke befinden sich Einrichtungen, die irgendwas mit der Revolution von Rojava zu tun haben. Am Abend des 9. März besuche ich die Kommune der Internationalisten. Dort befinden sich Menschen aus dem Ausland, die sich politisch an der Umgestaltung der Gesellschaft Nordsyriens beteiligen, aber auch etwas für ihre Herkunftsländer mitnehmen wollen. Sie können dort Kurdisch lernen, Gleichgesinnte treffen und politische Projekte vorantreiben. Derzeit steht die Kampagne „Make Rojava Green Again“ im Mittelpunkt, über die der Journalist Anselm Schindler schon für kommunisten.de geschrieben hat. Die Kommune befindet sich gerade im Umzug in die Stadt Derik, da dort mehr Platz ist. Interessant ist der jetzige Ort in Qamischli dennoch.

Es ist der alte Hauptbahnhof der Stadt, die Gleise der alten Berlin-Bagdad-Bahn liegen direkt vor der Küche der Internationalisten und auf Abstellgleisen daneben befinden sich viele, mittlerweile ausrangierte, Züge, die schon bessere Tage gesehen haben. Sie stammen noch aus der DDR. Nachdem sich das Assad-Regime weitestgehend aus der Stadt zurückgezogen hat, wurden die leerstehenden Gebäude dafür verwendet, neue politische Institutionen unterzubringen.

Keine 500 Meter Luftlinie entfernt, man läuft einfach die Schienen entlang und wird dabei von streunenden Hunden begleitet, liegt das Pressebüro der YCR (Jugendunion Rojavas). Hier wird Medienarbeit betrieben, Artikel geschrieben und an Webseiten gebastelt. Es fällt auf, dass viele, die sich hier politisch engagieren, jung und mit vollem Elan dabei sind. Und sie sind nicht nur jung, sie tragen auch viel Verantwortung, verwalten eigene Räume, haben Fahrzeuge zur Verfügung und sorgen für ihren Schutz, auch mit eigenen Waffen. Es wird klar, dass die Jugend für die kurdische Freiheitsbewegung nicht nur auf dem Papier eine wichtige, führende Rolle spielt. Auch in der Umsetzung ihres politischen Konzeptes bekommen Jugendliche das Zepter der Umgestaltung ihrer eigenen Lebensumgebung in die Hand – das beeindruckt mich sehr. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, als ich in eben jenem Jugend-Pressezentrum Kawa Cekdar interviewe. Er ist einer der Verantwortlichen für die Nachrichtenseite Nuce Ciwan, was so viel bedeutet wie „Junge Nachricht“. Er berichtet mir vom Korrespondentennetzwerk und der Veröffentlichungspraxis dieses Mediums. Gemäß dem Motto „Der radikale junge Blick“ wird hier, neben alltäglichen Nachrichten, auch über politische militante Aktionen kurdischer Jugendlicher in Europa, der Türkei und Kurdistans berichtet. Ihn nervt es, dass die anderen kurdischen Medien solche Ereignisse meistens unter den Tisch fallen lassen und nicht berichten.

Direkt neben der Kommune liegt in einem früheren Bahnhofverwaltungsgebäude die Diplomatie-Vertretung von Tev-Dem, der Bewegung für eine demokratische Gesellschaft, einer Dachorganisation der verschiedenen politischen Akteure Rojavas. Dort treffe ich frühmorgens, nach einer Nacht im früheren Stellwerkraum des Bahnhofes, Kardo Bokani, der in der Informations- und Medienabteilung von Tev-Dem arbeitet. 2017 wurde seine Dissertation zu Kommunikation und politischer Mobilisierung der Kurden in der Türkei veröffentlicht, die Professor Michael Meyen auf dem Blog unseres Lehrbereichs rezensiert hat. Seit einigen Monaten arbeitet er jetzt bei Tev-Dem und wir verabreden uns zu einem Interview für meine eigene Dissertation.

Im Hintergrund: Abdullah Öcalan, theoretischer Vordenker der Revolution in Rojava

Gefühlte zehn Tees und sechzig geschüttelte Hände später, treffe ich mich mit Xelil Dag, dem Rojava-Vertreter der kurdischen Nachrichtenagentur ANF. Er ist einer der Hauptansprechpartner auf meiner Forschungsreise in und durch Rojava. Gemeinsam spazieren wir durch die Stadt. Es ist, wie bereits geschrieben, verwirrend. Manche Straßenzüge werden vom syrischen Regime kontrolliert, manche von den Selbstverwaltungsstrukturen. Man erkennt das unterschiedliche Gebiet vor allem durch zwei Dinge. Erstens durch die unterschiedliche Beflaggung der Straßen- und Platzzugänge, hier Fahnen des syrischen Staates, dort Fahnen Tev-Dems, der YPG oder YPJ. Zweitens durch Bildnisse von Assad und Öcalan. Wo „Serok“, also der „Vorsitzende“ Abdullah Öcalan, hängt, ist Rojava, wo Hafiz oder Bashar al-Assad hängt, ist Regime-Gebiet. In der Praxis unseres gemeinsamen Stadtbummels spielt das aber an diesem Tag keine Rolle. Wir laufen ohne Probleme an syrischen Soldaten oder regimenahen Einheiten der National Defense Forces (NDF) vorbei, genauso wie an Checkpoints der Asayish, also städtischen Sicherheitsorgane. Der einzige Unterschied: letztere grüßen immer freundlich und fragen: „Cawani? Bashi?“, also „Wie geht’s? Gut?“. Allerdings kann dieser Frieden, diese Ruhe trügerisch sein. 2016 kam es mitten in der Stadt zu heftigen Gefechten zwischen beiden Seiten. Sandsäcke, Betonsperren und -unterschlüpfe auf den Straßen sind die stillen Zeugen der damaligen Kämpfe.

Am geschlossenen Postamt hängen Familienbilder der Assad-Dynastie

Doch die meiste Zeit geht das Leben hier seinen alltäglichen Gang, aus den Geschäften kommt mal arabische, mal kurdische, mal westliche Musik, auf der Straße laufen verschleierte arabische Frauen, neben kurdischen Asayish-Frauen mit über die Schulter gehängter Kalaschnikow.

Nach der Stadttour nimmt mich Xelil mit zu einer Nachrichtenrecherche ins städtische Fußballstadion. Am 12. März jähren sich zum 14. Mal die Unruhen von Qamischli. 2004 wurden Fans des kurdischen städtischen Fußballvereins „al-Dschihad“ bei einem Spiel im Stadion von Anhängern eines arabischen Fußballteams mit Unterstützung syrischer Sicherheitskräfte rassistisch beschimpft und angegriffen. Im Anschluss kam es zu einem regelrechten Aufstand, mehr als 30 Menschen, darunter vor allem Kurden, starben, 2000 Personen wurden festgenommen. Deshalb heißt das Stadion heute auch „Märtyrer des 12. Märzes“. Zum Jahrestag soll es bei ANF einen Bericht von Augenzeugen und damaligen Spielern geben. Wir treffen auf dem grünen Rasen in der Mitte der kleinen Arena einen „al-Dschihad“-Fan und interviewen ihn. Ich darf spontan Kameramann sein und nehme das Interview zwischen Journalist und Befragten auf. Nachrichten der Agentur ANF erscheinen in insgesamt acht Sprachen. Hier vor Ort wird vor allem auf Kurmandschi und Türkisch geschrieben, in anderen Zentralen ANFs werden die Nachrichten dann jeweils übersetzt.  In Qamischli gibt es für ANF ein eigenes Fahrzeug, das von einem YPGler gefahren wird. Er ist nicht nur Fahrer, sondern kennt sich in seiner Heimatstadt Qamischli gut aus, weiß Leute, die damals, 2004, beteiligt waren und macht auch schon mal Fotos oder hält die Kamera. Seine Rolle ist multifunktional: er sorgt für Sicherheit im Kriegsgebiet, ist Fahrer, Kameramann und örtlicher Fixer in einem. Das mag einige verwirren, wird aber der Realität vor Ort gerecht. Eine einschüchternde Wirkung hat er auf unsere Interviewpartner auf jeden Fall nicht, da die Sicherheitskräfte hier sehr beliebt sind. Oft sind es schließlich auch die eigenen Kinder, die sich in den Reihen der KämpferInnen wiederfinden.

ANF-Vertreter Xelil Dag im Interview mit einem Augenzeugen des 12. März 2004

Zum Schluss: Das alles bestimmende Thema ist derzeit der türkische Angriffskrieg auf Afrin. Bereits gestern habe ich ebenfalls das Afrin Resistance Information Center besucht. Da hier vor allem auch journalistische Arbeit gemacht wird, werde ich mit den MacherInnen ein Dissertations-Interview führen. Zu Afrin wird auf diesem Blog noch geschrieben werden. Nur so viel: die türkischen Truppen im Verbund mit dschihadistischen Kämpfern stehen kurz vor der Stadt. In wenigen Tagen wird sie direkt angegriffen werden und das obwohl sich noch hunderttausende Zivilisten dort befinden. Sie weigern sich zu Recht ihre Heimat zu verlassen und diese den türkischen Besatzern zu überlassen. Wenn die internationale Gemeinschaft die Türkei nicht stoppt, wird es zu einem Massaker kommen. Schaut nicht weg!