Für Kurdistan gilt: alles kann, nichts muss gehen. In diesen Tagen geht viel.
Der Tag des 14. März verläuft ruhig, alle geplanten Interviewtermine in Qamischli platzen (Stichwort: nichts muss gehen).

Trotzdem wird es nicht langweilig. Mitten in der Nacht klingelt das Handy meines Zimmergenossens. Am Apparat ist ein Journalist, der es aus dem belagerten Afrin herausgeschafft hat und nach stundenlanger Fahrt in Qamischli angekommen ist. Er sucht unser Haus, dass im Armenviertel Heleli liegt. Es ist verwinkelt, Straßennamen und Hausnummern gibt es nicht. Gefühlte zehn Telefonate später findet er unsere Unterkunft und siehe da – es ist Selami Aslan, den ich im Januar per Skype für meine Dissertation interviewt hatte. Er befand sich damals im Shengal-Gebirge und schrieb für die nordkurdische Mesopotamien-Nachrichtenagentur. Von dort ist er nach Afrin gegangen, jetzt steht er vor mir. Was für ein schöner Zufall.

Einige Stunden später spazieren wir zu viert durch die Stadt. Wir, das sind die Journalisten Gamze Kafar (Arti TV), Mustafa Mamay (ANF), Selami Aslan (Mesopotamien Nachrichtenagentur) und ich (als Kommunikationswissenschaftler). Auch Kafar ist erst vor zwei Tagen aus Afrin zurückgekehrt. Beide versuchen die traumatischen Erlebnisse dort zu verarbeiten. Was sie dort gesehen haben, lässt sich in einem solchen Blogbeitrag nicht beschreiben – es ist einfach nur furchtbar.

Auf einmal kommt ein Anruf: ein Auto der SDF fährt Richtung Rakka bis nach Ain Issa und es sind noch Plätze frei. Kafar und ich entscheiden uns sofort mitzufahren. Warum? Es gibt hier keine regelmäßigen und sicheren Verbindungen, um von Stadt zu Stadt zu kommen. Entweder man findet eine Mitfahrgelegenheit oder man muss tagelang warten.

Eine dreiviertel Stunde später geht es los. Am Steuer eines Toyota-Pickups sitzt Kani, der aus Kobane kommt und Mitte Fünfzig ist. In allen großen Kämpfen, Kobane (2014), Minbidsch (2016), Rakka (2017) und jetzt Deir-e-Zor (2018) war er dabei. Er drückt trotz schlechter Straßenverhältnisse aufs Gas, die Tachonadel steht bei 150 km/h und an uns sausen hunderte Öltanker vorbei. Lachend klopft er aufs Lenkrad und sagt: “Den Toyota haben wir dem IS geklaut – danke dafür!”.

Arabische SDF-Kämpfer in Ain Issa

Im Laufe der dreistündigen Fahrt kommen wir ins Gespräch. Er hat drei Töchter und einen Sohn. Beziehungsweise hatte. Pervin, die älteste von ihnen, ist beim Kampf um Kobane im Herbst 2014 in den Reihen der Frauenverteidigungseinheiten YPJ gefallen. Die anderen beiden leben und sind aktiv an der Revolution beteiligt. Eine davon arbeitet als Pressesprecherin des Kantons von Kobane, die andere ist beim Fernsehsender Ronahi TV Moderatorin. Der Sohn geht noch zur Schule. Eine Familie, die für die Revolution in Rojava lebt.

Mit hoher Geschwindigkeit fahren wir durch die grüne Frühlingslandschaft Nordsyriens. “Genieße das, der Frühling dauert hier nur zwei Wochen” sagt Kani zu mir. Während der Fahrt dröhnt aus den Boxen laute arabische Musik: Marcel Khalife. “Ein libanesischer Musiker und Kommunist, den mag ich am liebsten” ruft der SDF-Kämpfer, dreht die Lautstärke höher und singt lauthals auf Arabisch mit. So geht es immer weiter, wir fahren durch Kontrollpunkte und werden überall mit „Dembas Hevalno“ („Hallo Genossen“) begrüßt.

Die Automusik hat mittlerweile zu 50 Cents “In da Club” gewechselt, als Kani auf einmal aufheult. Ich schaue auf die Straße und sehe gerade noch wie er einen kleinen Vogel, der nach Futter gesucht hat, mit dem Auto überfährt. Die nächsten Minuten ist der erfahrene Kämpfer sichtlich geknickt. Ein Zeichen von Menschlichkeit, das ich in diesen Kriegszeiten nicht erwartet hätte.

Nach Sonnenuntergang kommen wir in Ain Issa an, das im Juni 2015 von der Terrorherrschaft des “Islamischen Staat” befreit wurde. Ich komme bei einer SDF-Einheit unter, die das Pressezentrum des militärischen Bündnisses leitet. Neben mir schläft Aland, ein junger Kurde, der sich übers Fernsehenschauen Englisch beigebracht hat. Er ist Leibwächter von Redur Xelil, einem der Sprecher der Volksverteidigungseinheiten YPG. Aland hat an der Befreiung von Rakka teilgenommen und erzählt mit einer Leichtigkeit von den Folter- und Tötungsmethoden des IS, dass mir das Blut in den Adern gefriert. “Und jetzt greift uns der IS in Form der Türkei in Afrin an”. Er zeigt mir auf seinem Handy ein Bild eines Freundes: “Er wurde letzte Woche dort getötet”. Alltag für Aland – nur schwer verdaubar für mich.

Die Fahne der SDF

Am nächsten Tag steht morgens ein Dissertationsinterview mit Mustafa Bali an. Er ist Pressesprecher der SDF. Davor war er Journalist für verschiedene Medien, so zum Beispiel für Ronahi TV. Vor Beginn der Revolution hat er in Aleppo arabische Literaturwissenschaft studiert und seit zehn Monaten ist er jetzt Pressesprecher. Unser Gespräch dreht sich um das Verhältnis kurdischer Journalisten zu den militärischen Einheiten, Grenzen der Berichterstattung und den eigenen Presseeinheiten der SDF. Im zweiten Teil des Interviews geht es um aktuelle Politik. Ihr könnt es unter dem Titel “Mit Hilfe deutscher Waffen wird ein Kalifat in Afrin errichtet” im Neuen Deutschland nachlesen.

Nach dem Gespräch fahren Gamze Kafar und ich ins Flüchtlingslager von Ain Issa, das am Stadtrand liegt. Die türkische Journalistin will einen Bericht über das Lager machen und ich nutze die Gelegenheit um mitzukommen. In einem Büro gleich neben dem Eingang sprechen wir mit dem Campdirektor Jalal al-Ayaff, von dem die nun folgenden Informationen stammen. Das Lager wurde im Vorfeld der Rakka-Befreiung eröffnet und dient vertriebenen Familien als Unterkunft. Auch viele IS-Sympathisanten und Frauen, deren IS-Ehemänner ums Leben gekommen sind, leben mit ihren Kindern in einem abgetrennten Teil des Geländes. Derzeit befinden sich noch 17.000 Menschen in 2.700 Zelten im Lager. Zu Höchstzeiten waren es bis zu 50.000 Menschen, die aus Rakka und Umgebung geflohen sind. Heute finden sich dort auch Familien aus dem Irak, Aleppo und Deir-e-Zor, darunter auch Kurden. Leider können wir nicht mit Frauen von IS-Kämpfern sprechen, dies sei nur ausgewählten Journalisten gestattet so der Direktor. Die Zusammensetzung der Frauen ist international. Aus aller Welt sind sie ins Kalifat ihrer Träume gepilgert. Es befinden sich Ägypterinnen, Tunesierinnen, Algerierinnen, Indonesierinnen, Französinnen, Russinnen, Türkmeninnen, Afghaninnen und auch eine Berlinerin unter ihnen. Es sei bei all diesen Ländern die Rückführung der Frauen und ihrer Kinder beantragt worden, so al-Ayaff, bisher habe jedoch nur Indonesien positiv reagiert. Scheinbar will keines der Länder Verantwortung übernehmen, obwohl sie die Reise dieser Fanatiker nach Syrien nicht verhindert haben.

Jalal al-Ayaff, Direktor des Flüchtlinglagers in Ain Issa

Das Lager wird vom Zivilen Rat Rakka (“Civil Council of Rakka”) geleitet, der auch den Wiederaufbau der 60km entfernten Stadt organisiert. Bis vor Kurzem wurde auch die Lebensmittelversorgung vom Rat organisiert, jetzt liefert er nur noch Brot. 7000 Laibe am Tag. Mit Essen müssen sich die Menschen nun selber versorgen, was für viele nicht einfach ist.

Über Kilometer erstreckt sich eine Zeltreihe nach der anderen. Die meisten sind mit der Aufschrift „Unicef“ bedruckt, Mitarbeiter der UN-Organisation sehen wir allerdings nicht. Al-Ayaff bestätigt, dass viele Menschen hier nach wie vor mit dem IS sympathisieren. Es gebe aber Kurse und Schulen, vor allem für die Kinder, um dieses fanatische Islam-Verständnis zu verändern. Ein Mitarbeiter des Direktors berichtet uns aber, dass vor Kurzem Frauen versucht hätten einer anderen Frau den Kopf abzuschneiden, weil diese auf Gott geflucht habe. Nachprüfen können wir diese Aussage nicht. Wir gehen durchs Lager und sind dabei von einer Traube von Kindern umgeben.

Lächeln – trotz alledem

Die Situation der Menschen ist nicht einfach, die Zukunftsaussichten nicht besonders gut. Vor einem Zelt sitzen sieben Kinder und spielen. Als wir bei ihnen stehenbleiben kommt der Vater heraus und wir beginnen zu sprechen. Sie kämen aus Rakka und hoffen bald wieder zurückzukehren, sagt er. Derzeit arbeite er bei den Asayish, also den Sicherheitskräften. Der Ausdruck auf seinem Gesicht ist geprägt von einer Mischung aus Aufbruch und Resignation. So richtig deuten kann ich es nicht. Mit einem beklommenen Gefühl steigen wir ins Auto und fahren zurück ins Mediencenter.

Wie zu Beginn gesagt: hier kann alles schnell gehen oder auch gar nicht. Wir haben erneut Glück, weil uns eine Freundin nachdem ich diese Zeilen beendet habe, mit nach Rakka nimmt. Sie organisiert die Medienarbeit in der früheren Hauptstadt des IS. Mittlerweile ist es stockdunkel. Ich frage, ob es denn nicht gefährlich sei mitten in der Nacht dorthin zu fahren. „Nein, nein, es gibt hier überall Kontrollpunkte“ sagt sie lachend. Anschließend steigen wir ins Auto und fahren los.