Am 28. Januar, also in zwei Wochen fliege ich für neun Wochen nach Uganda. Ich werde für meine Master-Arbeit forschen. Am 18. Februar finden dort Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. Mein Interesse liegt dabei darauf ob, und wenn ja wie, die Medienfreiheit bei diesen Wahlen eingeschränkt wird. Bereits im Oktober 2014 war ich mit Prof. Meyen und Dr. Fiedler eine Woche in dem Land und wir haben eine Studie zu Ugandas Mediensystem gemacht.
Auf jeden Fall haben mir das Land und die Menschen damals so gut gefallen, dass ich dort unbedingt nochmal hin wollte um zu forschen (und natürlich auch um zu reisen).

Blog & Wissenschaft?

Das es diesen Blog gibt, ist auch ein Ergebnis meiner Reise-Vorbereitungen. Unter dem Tag „Uganda“ werde ich dokumentieren, wie die Forschung voranschreitet. Dies interessiert vielleicht nicht so viele Menschen wie meine Türkei/Kurdistan-Berichterstattung (mit ca. 600 Klicks pro Tag), aber es erfüllt einen wissenschaftlichen Zweck, der vor allem bei qualitativen Studien wichtig ist: Ich stelle intersubjektive Nachvollziehbarkeit her. Jeder kann hier nachvollziehen, wie geforscht wird. Also welche theoretische Brille leitet die Studie, welches Kategoriensystem folgt daraus und mit welchen Methoden fülle ich dieses mit Leben.
Gleichzeitig ist dieses Wissenschafts-Blogging ein kleiner Versuch. Qualitative Forschung lebt von Diskussion der wissenschaftlichen Annahmen, Zwischenschritten und Ergebnissen. Deshalb werde ich unter diesen Uganda-Posts die Kommentar-Funktion freischalten. Wenn ihr Kritik, Vorschläge oder Ergänzungen habt, dann schreibt diese einfach unter die jeweiligen Beiträge. (Anmerkung: Die Kommentar-Funktion wird die nächsten Tage freigeschaltet)
Natürlich ist dieser Blog eher etwas populärwissenschaftlich gehalten. Hier schreibe ich ohne hochtrabende Begriffe zu verwenden und ohne ständig Literaturbelege anzugeben. Dies sieht in der schriftlichen Master-Arbeit natürlich anders aus, aber im Blog, so finde ich zumindest, ist dies zulässig.

Ihr werdet hier vor allem folgende Dinge finden:

  • ein digitales Feldtagebuch, in dem meine täglichen Erlebnisse und Beobachtungen dokumentiert werden- ein theoriebasiertes Kategoriensystem, das die Forschung grundsätzlich leitet und strukturiert. Zur zu Grunde liegenden (Uwe Schimank´s Akteur-Struktur-Dynamik) werde ich nochmal extra was schreiben bzw. Literaturempfehlungen geben
  • Leitfaden für Experteninterviews, der die Interviews „vergleichbar“ macht, aber natürlich bei Bedarf und je nach unterschiedlicher Position der Interviewten verändert werden kann
  • Dokumente (Zeitungsartikel, NGO-Berichte, Gesetzestexte, Fotos, etc.)
  • (anonymisierte) Auszüge aus geführten Interviews

Reflektion der Rolle als Forscher und Mensch in Uganda

Wenn man als „reicher“ Westeuropäer in ein anderes Land geht, vor allem in ein afrikanisches Land, ist man natürlich durch zahlreiche Vorurteile und auch Überheblichkeiten geprägt. Es ist schon eine Art traditioneller Arroganz von Europäern fast nicht über nicht-westliche Gesellschaften zu wissen. Wer weiß denn schon den Namen der Hauptstadt dieses 35-Millionen-Einwohner Landes? Wo in Afrika liegt dieses Land überhaupt?
Na gut, eine Sache hat man sich dann doch gemerkt, war da nicht mal ein Diktator namens Idi Amin an der Macht? Und vielleicht kennt man noch den Film „Der letzte König von Schottland“. Das war´s dann vermutlich aber schon.

Ich schließe mich in diese Gruppe explizit mit ein. Auch ich wusste nicht, dass Kampala die Hauptstadt ist und das Land am wunderschönen Lake Victoria liegt. Nun beschäftige ich mich zwar schon einige Zeit mit Uganda, aber mein Wissen ist immer noch beschränkt. Das heißt ich bin kein Uganda-Experte, auch wenn ich vermutlich mehr weiß als viele andere in Deutschland (ohne überheblich klingen zu wollen). Aber gerade dieses Nicht-Experte-Sein lässt einen oft auch Dinge wahrnehmen, die man als jahrelanger Kenner aus Gründen der „Betriebsblindheit“ übersehen könnte.

Meine Rolle als Mensch ändert sich in der ugandischen Gesellschaft auch komplett und das ist interessant. In Deutschland bin ich der bärtige linke Student mit türkischem Migrationshintergrund, zu dem man neuerdings eine Armlänge Abstand halten sollte. In Uganda bin ich vor allem erst mal ein reicher „Muzungu“, also Weißer. Es ist eine neue Erfahrung in Kampala als privilegierter Europäer dekodiert zu werden. Und es ist ja auch so, dass die meisten Menschen aus Europa rosigere Lebensaussichten haben als Menschen dort. Eine Ungerechtigkeit und Diskrepanz die vor allem auf unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem basiert, oder um es mit Brecht zu sagen:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
‘Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich’.

Und das trifft auch auf meine Unterkunft in Kampala zu. Mein Ziel war es, dort eine „normale“ Mittelschichtsunterkunft zu finden. Einige Versuche ein Zimmer in einer Studierenden-WG im Zentrum zu finden, waren erfolglos (Und Studierende in Uganda gehören meistens auch schon zur privilegierten Klasse). Über Freunde von Freunden von Freunden komme ich jetzt letztendlich in Kampalas Villenviertel unter. Die Fotos sprechen für sich.

kampala-unterkunft1

kampala-unterkunft2

In dieser schönen “Gartenhütte” komme ich unter

Nur ein winziger Bruchteil der Menschen dort lebt so und irgendwie ist es auch beschämend auf einem großen Compound mit Schwimmbad und Haushälterin zu leben, während man von Armenvierteln umgeben ist.
Wieso erzähle ich das hier? Meiner Meinung nach gehört selbst die Unterkunft zur Selbstreflektion der Rolle der forschenden Person im Forschungsprozess dazu. Deshalb thematisiere ich das hier.
Ich bin kein Experte in Ethno- und Eurozentrismus, dass können die FreundInnen der Ethnologie und Soziologie besser. Trotzdem werde ich mich mit diesen Fragen beschäftigen müssen und hoffe, dass ich so den entsprechenden Fallen und Fettnäpfchen entkomme. Vielleicht könnt ihr mir in den Kommentaren ja Literaturtipps dazu geben.

Medien-Tipps

Wer sich über Uganda und die Wahlen tagesaktuell informieren möchte, dem empfehle ich die zwei führenden Tageszeitungen des Landes: Die New Vision, die zur Mehrheit in Staatseigentum ist und zur New Vision Mediengruppe gehört und die Daily Monitor, zugehörig zur kenianischen Nation Media Group und in der Berichterstattung eher zur Opposition tendierend. Die tägliche Auflage beider Zeitungen überschreitet zwar nicht mal die 100.000-Marke, allerdings bestimmen sie in hohem Maße die im Radio, TV und anderen Printmedien diskutierten Themen. Sie sind sogenannte Leitmedien. Prof. Meyen entwickelte beim Aufenthalt 2014 eine Leidenschaft für das Boulevardblatt Red Pepper, das für Freunde der leichten Unterhaltung natürlich eine Alternative ist. 😉

Blick auf Kampala aus dem Minarett der sehenswerten Gaddafi-Moschee

Blick auf Kampala aus dem Minarett der sehenswerten Gaddafi-Moschee

Die nächsten Tage und Wochen folgt hier mehr.